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Synagogenbrand fordert Sühne

Synagogenbrand fordert Sühne 
Neuer Mainzer Anzeiger - 16. April 1946. 

Aus der Quellensammlung von  Jochen Tullius

Die Judenaktion 1938 in Bingen
 

Es sind über sieben Jahre vergangen, seitdem die jüdischen Gotteshäuser in Bingen geschändet wurden. Am 10. November 1938 tobte eine wilde Horde durch die Straßen Bingens zur Synagoge, allen voran die Binger SA, SS, ein Teil der damaligen Studenten des Technikums, fremde SA-Führer und unter ihnen der SA-Sturmführer Matthes aus Ingelheim mit seinem Gefolge. Jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert, aber das Hauptziel waren die beiden Synagogen in der Rochus- und Amtstraße.

Bereits in der vorhergehenden Nacht versuchte man die Synagoge in der Rochusstraße in Brand zu stecken. Die Bänke wurden mit Benzin übergossen und angesteckt, so daß ein Teil der Sakristei ausbrannte. Das Feuer wurde jedoch vom Hausmeister rechtzeitig bemerkt und so konnte es gelöscht werden, ehe es zu richtiger Entfaltung kam. Am Tage jedoch drangen Hunderte von Menschen in die Synagoge, zerstörten die Inneneinrichtung, zerschlugen die Gebetstische übergossen alles mit Teer und legten Feuer in das jüdische Gotteshaus. Selbst die wundervolle Orgel im Werte von 35.000 Mark, ein Geschenk der Stadt Bingen an die jüdische Religionsgemeinschaft, blieb nicht verschont.
Am Hauptportal wurden die Löwenköpfe zerschlagen, der blinde Haß der braunen Horden kannte keine Grenzen. Gegen 5 Uhr nachmittags brannte die Synagoge. Zwar wurde die Feuerwehr geholt, um zu löschen, aber da auch dies zum Teil sabotiert wurde und nicht alle Schläuche mit Wasser versorgt werden konnten, wurde kaum noch etwas gerettet.
Als man nach Mainz telefonisch dieses Verbrechen meldete, wurde erwidert: „Was, bei Euch stehen die Synagogen noch? In Mainz ist keine mehr vorhanden.“ Ein Beweis dafür, daß die Judenaktion allgemein organisiert und von höheren Stellen aus befohlen war.

Später stellte das städtische Museum einige Gegenstände sicher, so u. a. Thorarollen, Tücher, Silbergegenstände, Hörner, Betriemen, den Bauplan der Synagoge, Gebetsrollen, Schöpfkellen, Bücher, eine Aufsatzspitze aus Messing mit Glöckchen und Altardecken, um damit eine Ausstellung zu veranstalten. Die Gegenstände befinden sich heute im Besitz der Binger Kriminalpolizei. Wie eine Anordnung des Generalstaatsanwaltes Dr. Doller besagt, werden in Kürze die Strafprozesse wegen der Judenaktion aufgenommen werden.
Die Voruntersuchungen stehen kurz vor ihrem Abschluß, so auch bei der Kriminalabteilung in Bingen.

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