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Ein Haus des Segens und des Friedens

Zur Einweihung der Synagoge in Bingen vor 100 Jahren

Dr. Josef Götten; Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdisches Bingen

„Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Bingen sind in tiefes Dunkel gehüllt. Kein Gedenkbuch berichtet etwas über der Gemeinde Ursprung, kein Stein und keine Inschrift bieten dem Suchenden eine Handhabe, den Zeitpunkt ihrer Entstehung auch nur ungefähr zu bestimmen. Selbst die vieldeutige Sage, die den Ursprung anderer, allerdings bedeutenderer, rheinischer Gemeinden poetisch zu verklären versteht, hier bleibt sie stumm und weiß vom Anfang unserer Geschichte nichts zu erzählen.“

So beginnt der Großherzogliche Rabbiner Dr. Richard Grünfeld seine „Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Bingen“ am 21. September 1905. (1)

Mögen die Anfänge auch im Dunkel der Römer- und Frankenzeit liegen, schriftliche Hinweise auf Juden in Bingen gibt es seit Mitte des 12. Jahrhunderts. Wenn auch das ganze Mittelalter hindurch, in dem Bingen dem Erzbischof und später dem Domkapitel in Mainz unterstand, lediglich vier bis sieben jüdische Familien als Schutzjuden hier Wohnrecht hatten, so erreichte die jüdische Gemeinde im Jahre 1765 mit 343 Angehörigen doch schon 12% der Stadtbevölkerung.
Im Zuge der Emanzipation infolge der rechtlichen Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert wuchs die Gemeinde stetig an und erreichte im Jahr 1900 mit 713 Mitgliedern ihren Höchststand ( 8% der Stadtbevölkerung).

Für diese stattliche Gemeinde war die im Jahre 1700 eingeweihte Synagoge in der Rheinstraße zu klein geworden, obwohl es 1872 „zur Bildung einer trennungsorthodoxen israelitischen Kultusgesellschaft“ gekommen war, die ihren Gottesdienst in ihrer Synagoge an der Amtsgasse abhielt (2). Die vom liberalen Reformjudentum geprägte Mehrheit entschloss sich nach langem Abwägen für einen Synagogenneubau auf dem Terrain des ehemaligen „Feist’schen Weingartens“ in der Rochusstraße. Das Gebäude in der Rheinstraße wurde verkauft und diente in der Folge in veränderter Form unterschiedlichen Zwecken: als Gasthaus, als Diskothek und heute als Jugendhaus.

Die Vorgängersynagogen in Bingen hatten bis Anfang des 19 Jahrhunderts im Gewirr der Häuser und Hinterhöfe im Judenviertel zwischen Judengasse (Rathausstraße) und Amtsstraße ein unauffälliges Dasein geführt. Mit den im 19. Jahrhundert erworbenen Freiheiten hatte sich jedoch in den jüdischen Gemeinden ein neues Selbstbewusstsein entwickelt: Sie wollten aus der Verborgenheit heraustreten und durch auffällige Gotteshäuser „das Bekenntnis zum deutschen Vaterland, ihrem neuen Jerusalem, auch öffentlich zeigen“ (3). So Salomon Korn. Und er fährt erläuternd fort: „Über allem stand der Wille, Teil der deutschen Nation zu sein. Und so strebten die Juden in Deutschland an, ihre gesellschaftlich stigmatisierte Bezeichnung abzulegen und sich fortan ,Israeliten' zu nennen. Ihre Synagogen aber wandelten sie in ,Tempel' um. Dies war mehr als eine bloße Umbenennung, es war programmatisch: Nicht mehr das ferne Palästina, sondern Deutschland betrachteten sie von nun an als ihr gelobtes Land. Nicht mehr in Zion, sondern in Deutschland sahen sie den Ort, an dem der messianisch verheißene Tempel zu bauen sei. Und so entstanden in vielen deutschen Ortschaften neue große jüdische Tempel, die weithin sichtbares Bekenntnis der deutschen Juden - der israelitischen Deutschen - zu ihrem neuen gelobten Land waren. Liberale Strömungen innerhalb des Judentums gewannen die Oberhand und glichen ihre Synagogen in Stil und Architektur zunehmend stärker dem Kirchenbau an.... Synagogen-Kirchen: die neuen Tempel der deutschen Israeliten.“(4)

Diese Gedanken beseelten sicher auch sowohldie Binger jüdische Gemeinde als auch den mit dem Neubau beauftragten berühmten Karlsruher Architekten Prof. Ludwig Levy. Hatte dieser noch 1886 in Kaiserslautern eine prachtvolle Synagoge im „neoislamischen“ Stil erichtet (5), womit „die Erinnerung und Verbundenheit mit der aus dem Orient stammenden ,alten' jüdischen Religion“ herausgestrichen werden sollte, so wählte man für Bingen einen an romanische Kirchen erinnernden „romanisierenden“ Stil, der „die neue Zugehörigkeit zur deutschen Nation“ zum Ausdruck bringen sollte (6).

Dieses Bewußtsein der gleichberechtigten Zugehörigkeit zur Gesellschaft durchzieht auch die Berichterstattung über die Einweihung der Synagoge in der Rochusstraße in der „Binger Zeitung für Stadt und Umgegend“ vom 23. September 1905, die hier in Auszügen wörtlich wiedergegeben werden soll:

„Es war ein herrliches, glänz- und stimmungsvolles Fest, das nun hinter uns liegt, stimmungsvoll eingeleitet und umkleidet von einer wohltuenden allgemeinen Anteilnahme der Gesamtbevölkerung an dem Freudenfeste der israelitischen Mitbürger. Fast an jedem Hause der Hauptstraßen wehten die Fahnen, man war dabei dem löblichen Beispiele der Stadtverwaltung gefolgt, welche die Rochusstraße zu einer via triumphalis gestaltet hatte. Eine recht zahlreiche geladene Gesellschaft von hier und auswärts, Vertreter der staatlichen und städtischen Verwaltung, Geistliche der beiden christlichen Konfessionen, Schulbehörden etc., versammelte sich von 10 Uhr ab in dem neuen Gotteshaus, das auch in seinem, vorerst gewissermaßen noch schlicht ausgestatteten, Innern durch die ganz geniale Anlage auf jeden erhebend wirkt. Ja, wir möchten sagen, gerade das Fehlen jeden Pompes in der Ausstattung stimmt den Besucher besonders weihevoll. Um 11 Uhr erfolgte die Schlüsselabgabe durch das Töchterchen des Herrn Julius Landau an den Baumeister der Synagoge, Herrn Baurat Prof.. Levi-Karlsruhe; Dieser empfahl das neue Gotteshaus dem Vertreter des Kreises Bingen dem Schütze des Letzteren, worauf Herr Geheimrat Spanier diesen Schutz der Stadt überantwortete; Herr Bürgermeister Neff übergab nach kurzer Ansprache den Schlüssel Herrn Rabbiner Dr. Grünfeld und auf dessen Aufforderung hin öffneten sich die Tore, durch welche der feierliche Einzug unter Orgelklang und Festgesang erfolgte. Herr Rabbiner Dr. Grünfeld erflehte dann in innigem Gebete, nachdem er allen, die zum Gelingen des herrlichen Werkes beigetragen, herzlichsten Dank abgestattet, den Segen des Allerhöchsten für das neue Gotteshaus und entzündete dann die ,ewige Lampe’, deren Bedeutung in eindrucksvollen Worten schildernd. Feierlich gestaltete sich der Umzug mit den Thora-Rollen durch das Gotteshaus; die Rollen wurden durch Herrn Rabbiner Dr. Grünfeld und drei auswärtige Amtsbrüder getragen, und dann unter feierlichem Gesang ins Allerheiligste eingesetzt. Ein Meisterwerk der Rhetorik, ein Zeugnis der machtvollen Wirkung des jüdischen Glaubens auf seine berufenen Vertreter, eine glänzende Verherrlichung des Gottesglaubens, eine scharfe Verurteilung der sog. modernen Weltanschauung und schließlich eine gründliche Darlegung der Ziele und Bestrebungen des echten und rechten Judentums, war die Festpredigt des Herrn Dr. Grünfeld. Judentum ist Menschentum im edelsten Sinne des Wortes', das war der rote Faden, der sich durch die ganze Predigt hindurch zog; letztere hätte verdient, von Tausenden gehört zu werden, so manches ungerechte Vorurteil würde sofort zerstört sein. Nach dem erhebenden Weihegebet für Kaiser und Großherzog vor dem geöffneten Allerheiligsten hatte die Feier ihr Ende erreicht....

An die Einweihungsfeier schloss sich ein von der Gemeinde gegebenes Frühstück an; hierzu waren etwa 150 Geladene, Vertreter der Staats- und Stadtbehörde, der Binger christlichen Gemeinden, auswärtige Synagogenmitglieder, die sämtlichen am Bau beschäftigten Handwerksmeister, Presse u.s.w. erschienen.“ Nach den vielen Gratulanten ergriff nochmals Rabbiner Grünfeld das Wort und „sprach in längeren Ausführungen, die allenthalben Anklang fanden und allseits Beherzigung finden sollten,... über die wahre unverfälschte Humanität, die sich in dem bekannten lateinischen Spruche charakterisiere: ,In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus autem caritas’ (In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen aber liebendes Dulden). Stürmische Begeisterung riefen die Worte des geschätzten Redners hervor“. Unter den vielen Dankesworten wurde auch „dem Synagogenchor und Herrn Musikdirektor Knettel das wohlverdiente Lob“ gezollt. „Auch dieser Teil der Feier“, so heißt es abschließend, „verlief in der harmonischsten Weise; ihr folgte abends ein Festessen mit anschließender theatralischer etc. Unterhaltung (speziell für die Mitglieder der israelitischen Gemeinde bestimmt) und aufhörend mit Ball. ... So schloss an den herrlichen stimmungsvollen Anfang der Feier ein stimmungsvollherrliches Ende sich an.“ Hohe Erwartungen knüpfte Rabbiner Grünfeld in seiner Festschrift an dieses neue Zentrum der israelitischen Religionsgemeinde: „Möge die neue Synagoge auf der Rochusstraße für die Gemeinde werden: ein Haus des Segens und des Friedens, der Andacht und der Erhebung, eine Quelle der Belehrung und des Trostes, eine Pflanzstätte des lautersten Patriotismus und echter, unverfälschter Menschenliebe! (7)

Dreiunddreißig Jahre später stand dieser herrliche „Tempel“, eine Zierde der Stadt und Ausdruck bürgerlichen Zusammengehörgkeitsgefühls und konfessioneller Toleranz, in Flammen. Und niemand, auch nicht „die Stadt“, deren Schutz er bei seiner Einweihung feierlich anvertraut worden war, hinderte die braunen Brandstifter bei ihrem zerstörerischen Wüten.

In jener sogenannten Reichskristallnacht, in der überall in Deutschland die Synagogen brannten, „verbrannten“, wie Salomon Korn es formuliert, „mit den Synagogen-Tempeln das innige Bekenntnis und die unerwiderte Liebe der deutschen Juden - der jüdischen Deutschen - zu ihrem Vaterland“. Damit endete „für jedermann sichtbar die fruchtbarste Epoche deutsch-jüdischer Geschichte: 150 Jahre mühsam erkämpfte bürgerlich-rechtliche Gleichstellung verflüchtigte sich im Rauch jener Schreckensnacht“ (8) .

An dem heute noch  stehenden nördlichen Wohntrakt des ehemaligen Synagogenkomplexes hält eine Gedenktafel die Erinnerung fest:

„Hier stand die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bingen. Erbaut 1905, zerstört in der Pogromnacht 9./10. November 1938. Seit dem 12. Jh. bis zur Auswanderung und Deportation 1942 lebten Juden in Bingen.“

Anmerkungen

1)Zur Geschichte der Juden in Bingen. Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Bingen - 21. September 1905 -. Herausgegeben von Dr. Richard Grünfeld, Herzoglicher Rabbiner. S. 5

2) Friedrich Schütz, Die jüdische Gemeinde in Bingen. In: Bingen. Geschichte einer Stadt am Mittelrhein. Mainzer Verlagsanstalt 1989. S. 298

3) Salomon Korn, Wesen und Architektur der Synagoge - Eine Einfuhrung. In: Synagogen. Rheinland-Pfalz - Saarland. Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz mit dem Staatlichen Konservatoramt des Saarlandes und dem Synagogue Memorial Jerusalem. Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2005. S. 16 f

4) Ebd. S. 17
5) Ebd. S. 198
6) Vgl.ebd. S. 17
7) Grünfeld, Festschrift. a.a.O. S. 48
8) Salomon Korn, a.a.O. S. 18

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