. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Lebensbericht von Hans Natt (verstorben 2004)

Als Sohn der Eheleute Fritz und Else Natt, Langenlonsheim wurde ich 10.05.1923 dorten geboren. Ich war einziger Sohn, von Hause sehr behütet doch die Macht von Adolf Hitler zerstörte alle Pläne meiner Eltern. Mein Vater hatte eines der größten und angesehensten Weingeschäfte der; damaligen Zeit, Weinhandlung, Weinkommission und eigene Kelterei.

Mein Vater weihte mich schon früh in das Geheimnis ein, dass man aus Tauben Wein machen konnte und als junger Bursche begleitete ich ihn schon auf den verschiedensten Wegen.

So war ich auf den Versteigerungen der Fa. Espenschied-Heuss, der Domäne Schlossböckelheim und bei hiesigen Kunden wie Starkenburger Hof, Karl Hassemer, Kommerzienrat Fromm, heute Weigand, Philipp Schmidt u.a.

Unsere Familie war seit dem 17.Jahrhundert in Langenlonsheim ansässig, alle Mann waren im Weingeschäft tätig und so sollte auch ich das Geschäft weiterführen, nach einem Aufenthalt von 6 Monaten in London, Bordeaux und einem Jahr in New York, doch das 1000 jährige Reich wollte anders.

Ich absolvierte die Volksschule in Langenlonsheim, wo Lehrer Sitzius, der spätere Ortsgruppenleiter, schon ein Auge auf mich hatte. Später, bei Lehrer Lövenstein, musste ich diesen immer mit erhobenem Arm, dem Hitlergruss begrüßen.

Da die Schwester meines Vaters hier in Bingen verheiratet war, wollten meine Eltern, dass ich hier in Bingen auf die Realschule gehen soll. Dies war aber nicht möglich, die Bestimmungen der NSDAP waren, dass nur ein kleiner Prozentsatz Juden die Schule besuchen könnten und die Quote der Realschule war erschöpft. So kam ich auf das Gymnasium, Mitschüler waren Admiralarzt Dr. Richardz, Hans Gegner, Dr. Herbert Wantzen, Dr. Heinz Dahlem, Dr. Ingo Diel, Ferdinand Goossens, um nur einige zu nennen. Nach. bestandener Quarta machte man mir die Mitteilung, dass als Jude kein Platz mehr auf dem Gymnasium für mich wäre. Daher beschlossen meine Eltern, mich auf die Berlitz Schule nach Mainz zu senden, um englisch und spanisch zu lernen.

Die Anfangsjahre von 1930 vergingen, viele Bekannte wanderten aus, mein Vater aber vergrößerte den Betrieb, er glaubte nie an ein solches Ende, es gibt noch heute Männer in Langenlonsheim, die bei uns gearbeitet haben.
Ich brauche nicht zu betonen, wie viel Peinigungen, seelischen Qualen ich auf dem Wege von Langenlonsheim nach Bingerbrück ausgesetzt war. Dann ging ich zu fuß zum Gymnasium Bingen, doch mein Vater holte und brachte mich sehr oft mit dem Auto, wenn die Anpöbelungen zu viel waren. Deshalb bin ich auch immer 1. Klasse in der Bahn gefahren, um mich etwas schützen.

Vor der SA gab es den Arbeitsdienst, eines Tages wurde Haussuchungen diesen bei uns gemacht. Im Bücherschrank vom Kontor waren Bücher wie unser Hindenburg, der alte Fritz, dann, im Schlafzimmer hing die eigene Uniform meines Vaters, er war von 1914-18 bei den 11. Ulanen, Graf Heseler, weiter war da noch die eigene Uniform des älteren Bruders meines Vaters, das ganze Regiment wurde 1914 gleich aufgerieben und so entschuldigte man sich, Sie sind nationaler wie wir.

1935/36 kannte ich schon meine Frau, ihre Schwester war mit unserem nächsten Nachbarn verheiratet, Sylvester 1936/37 feierten wir zusammen. Es war damals schon sehr viel Sympathie, doch wir waren ja noch junge Menschen und es kam zu keiner „Rassenschande“.

Im Jahre 1937 kelterte mein Vater zum letzten Male, die SA hat den Verkehr geregelt, dass die Bauernwagen direkt zu uns fahren konnten. Die Wagen mit Maische wurden zuerst gewogen, ich kletterte auf die Wagen und habe Öchsle gemessen, wie auch gezählt, wie viele Lehlen gemahlener Trauben aus der Bütte kamen. Nach dem Herbst hat die SA-Kapelle meinem Vater ein Ständchen gebracht und die Leute bekamen für zwei Wochen die Uniform verboten, weil sie dem Juden ein Ständchen brachten. Noch damals kaufte mein Vater die Existenzen der Domäne Schloßböckelheim auf, er wurde gefilmt, kam ganz groß in den Stürmer, „der Weinjude Natt lacht, er hat allen Grund zum lachen, sein Geschäft geht noch immer gut“. Herr Höffler, der Ortsbauernführer, kolaborierte mit meinem Vater, telefonierte mit dem Reichsnährstand, Berlin, wir haben hier Fritz Natt, er übernimmt die ganze Ernte.

So kam die Kristallnacht 1938, im. Kontor wurde der Fensterladen hochgehoben, Scheiben eingeschlagen und die Meute war im Hause. Sie kamen mit den Worten „bis heute haben wir euch nichts getan, doch jetzt müssen wir von Rath rächen“. Vom Speicher bis zum Keller wurde alles kurz und klein geschlagen, wir mit, so zog man meine Mutter an den Haaren aus dem Bett und warf sie die Treppe hinunter. Am nächsten Tage kam das Rollkommando von Kreuznach und erledigte, was noch zu erledigen war. Anschließend kam der Mob ins Haus und es wurde gestohlen, was nur möglich war. So hatte zum Beispiel die Frau des früheren Friseurs von Langenlonsheim ein Bild mitgehen lassen. Diese Frau wohnte später hier im Altenzentrum St. Martin, in ihrem Zimmer hing das Bild. Von einem anderen Langenlonsheimer hatte ich davon erfahren, ließ das Bild holen und die alte Dame sagte dann, ich hätte mich nicht einmal bedankt, dass ich dieses Bild bekam. Es ist das einzige Erinnerungsstück, was ich von zu Hause besitze.

Früh morgens, nach der Kristallnacht, kam unser Hausarzt, Herr Sanitätsrat Dr. Christ mit Sohn Walter, und als er den ganzen Chaos sah, sagte er „ich schäme mich zum ersten Male ein Deutscher zu sein“. Um 7 Uhr kam die Polizei, nahmen meinen Vater und Onkel mit ins Gefängnis nach Kreuznach und von dorten ging der berühmte Judenzug nach Dachau. Meine Mutter rief dann die Firma Auto-Staiger an in Bingerbrück, dorten wurde unser Auto immer gewartet, er kam sofort und wir sind mit unserem Auto nach Mainz gefahren. Dorten war die Aktion noch in vollem Gange, unser Mädel fuhr mit dem Zug nach Dierdorf zu den Eltern, meine Mutter und ich nahmen ein Taxi und wollten nach Frankfurt, zu meinem Onkel, Dr. Hugo Natt. Auf halbem Wege wurden wir angehalten, es war SS und man untersuchte die Autos nach fliehenden Juden. Ich trug damals schon lange Hosen, war ganz gut gebaut, meine selige Mutter sah sehr gut aus und so kamen die Schergen an unser Auto, mit dem Gruß Heil Hitler. War es Eingebung, war es Dummheit, ich antwortete in gleicher Form Heil Hitler und so sagte man uns, bitte fahren Sie doch weiter! Welche Aufregung damit verbunden war brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es war kein Husarenstück von mir, es ging um Leben und Tod und war eine große Nervenprobe gewesen. Wir waren kaum in Frankfurt, stürzte das Dienstmädel meines Onkels ins Zimmer, Herr Doktor, eben werden alle Juden auf der Straße verhaftet. Mein Onkel sagte, hier ist keine Bleibe für Euch und wir sind nach Mainz zurückgefahren, mein Onkel steuerte das Auto. In Mainz sind wir in das Eisenbahnhotel gefahren, der Besitzer war ein Herr Jakobi, Angestellter der Fa. Sichel, und so kannte er meinen Vater. So kamen meine Mutter und ich unter, und waren gut versteckt.

Von Mainz aus war meine Mutter verschiedentlich in Langenlonsheim, denn das Haus musste nach Anordnungen der NSDAP so aussehen als sei nichts geschehen. So wurden Fenster eingesetzt, Rolladen repariert, und drei Pferdewagen Glas und Porzellanscherben aus dem Hause gefahren.

Nach der Kristallnacht kam am nächsten Tage das Rollkommando von Kreuznach und demolierte, was noch zu demolieren war. Anschließend kam der Mob von Langenlosheim und es wurde gestohlen, was es noch gab.

Zu dieser Zeit gab es zwei Auswanderungsmöglichkeiten, Bolivien oder Shanghai. Die Gestapo telefonierte jeden Tag, wann wandern Sie aus und so ist meine Mutter zum Konsulat gefahren, um das entsprechende Visum zu erhalten. In Anbetracht der Umstände erhielt sie es, wie auch einen Brief nach Dachau, mein Vater und. Onkel müssten sofort entlassen werden zwecks Auswanderung, was auch geschah. Das KZ Dachau war Ende 38 nicht was es in späteren Jahren war und mein Vater und Onkel kamen zurück.

Nach der Rückkehr meines Vaters schluckte die damalige Spar- und Darlehenskasse unser ganzes Anwesen für RM 17.500.- oder 19-500.-, ich weiß es wirklich nicht mehr. Es war ein weiteres Verbrechen, doch die Gestapo mahnte jed sehr gut aus und so kamen die Schergen an unser Auto, mit dem Gruß Heil Hitler. War es Eingebung, war es Dummheit, ich antwortete in gleicher Form Heil Hitler und so sagte man uns, bitte fahren Sie doch weiter! Welche Aufregung damit verbunden war brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es war kein Husarenstück von mir, es ging um Leben und Tod und war eine große Nervenprobe gewesen. Wir waren kaum in Frankfurt, stürzte das Dienstmädel meines Onkels ins Zimmer, Herr Doktor, eben werden alle Juden auf der Straße verhaftet. Mein Onkel sagte, hier ist keine Bleibe für Euch und wir sind nach Mainz zurückgefahren, mein Onkel steuerte das Auto. In Mainz sind wir in das Eisenbahnhotel gefahren, der Besitzer war ein Herr Jakobi, Angestellter der Fa. Sichel, und so kannte er meinen Vater. So kamen meine Mutter und ich unter, und waren gut versteckt. Von Mainz aus war meine Mutter verschiedentlich in Langenlonsheim, denn das Haus musste nach Anordnungen der NSDAP so aussehen als sei nichts geschehen. So wurden Fenster eingesetzt, Rolladen repariert, und drei Pferdewagen Glas und Porzellanscherben aus dem Hause gefahren. Nach der Kristallnacht kam am nächsten Tage das Rollkommando von Kreuznach und demolierte, was noch zu demolieren war. Anschließend kam der Mob von Langenlosheim und es wurde gestohlen, was es noch gab.

Zu dieser Zeit gab es zwei Auswanderungsmöglichkeiten, Bolivien oder Shanghai. Die Gestapo telefonierte jeden Tag, wann wandern Sie aus und so ist meine Mutter zum Konsulaten Tag zur Auswanderung. Auf einem holländischen Frachter belegten wir Passage, kurz vor der Ausfahrt wurde uns gesagt, dass das Schiff ausfallen würde. So haben sich meine Eltern mit dem Reisebüro-König in Kreuznach in Verbindung gesetzt und wir erhielten eine vierer Kabine auf der Patria. Nachdem mein Vater und Onkel von Dachau kamen, wohnten wir hier in Bingen, bei der Schwester meines Vaters, die dann mit 49 Jahren in Lublin umgekommen ist. Auch meine Großmutter, eine gebürtige Langenlonsheimerin, wurde mit 73 Jahren mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt geschickt.

Am 17. Juni 1939 sind wir dann mit der Patria ausgefahren, via Panama-Kanal. In Arica-Chile wurden wir dann ausgebootet und sind mit dem Zug, es war kein Intercity, nach Bolivien gefahren. Eine schwierige Fahrt, vom Meeresspiegel auf 3,600 Meter Höhe. In La Paz erledigten wir unsere Papiere und sind nach Cochabamba gefahren, denn es wurde uns gesagt, diese Stadt liege nur 2.600 Meter. Da wir mit 10.- Mark in der Tasche losgeschickt wurden, musste man sich sofort nach einer Arbeit umsehen, denn Sozialamt oder Hilfsverein gab es zu der Zeit nicht. Mein Onkel fing als Kellner an, mein Vater eröffnete in dem gleichem Lokal eine Garderobe, meine Mutter verkaufte Apfelsinen und Zitronen und in dem gleichem Lokal wurden abends Zigaretten, Blumen, Kuchen verkauft. Ich fing in einer Möbelfabrik als Polsterer an und kam dann später in das Büro, da ich die Landessprache konnte.

Die Umstellung war natürlich enorm, mein Vater verkraftete nie, auf diese Weise Haus, Hof, Vermögen verloren zu haben, meine Mutter hatte ständig mit Blutdruck zu tun, da auch sie unser Leben in Langenlonsheim nicht vergessen konnte. Es stellten sich viele Krankheiten ein und wenn auch die Menschen in Bolivien sehr hilfreich waren, so konnten sie uns über das wie und warum nicht helfen.

Mein Vater verstarb 1963 am 3. Herzinfarkt, meine Mutter an zu hohem Blutdruck an meinem Geburtstag, im Jahre 1966. Mit dem Bruder meines Vaters habe ich mich nie verstanden, als mein Vater starb hinterließ er in seiner Brillenschachtel einen Zettel - bleibt einig und zusammen, dies war für mich ein Vermächtnis. 1968, wir waren fast 30 Jahre in Bolivien, die ständige Höhe, Krankheiten und geschäftliche Lage waren nicht rosig, sagte mein Onkel zu mir, lass uns nach Israel gehen, was wir auch taten. In den 10 Jahren unseres Aufenthaltes in Israel hatte ich 7 Jahre eine Hautallergie, die mich zwang, das Klima zu wechseln. In Israel war es wunderschön und zu bewundern, was dorten alles geleistet wurde. Nach der Abwicklung in Israel ging mein Onkel in ein Altersheim, wo er gestorben ist. Ich war ein Jahr im Seniorenwohnsitz Humbodthöhe in Vallendar, sehr angenehm und gut, doch nicht für meine Brieftasche geeignet. So wandte ich mich an Herrn Naujack, dem damaligem OB, ich stellte mich vor, in Langenlonsheim geboren, war hier auf dem Gymnasium usw. Herr Naujack setzte sich mit meiner Frau in Verbindung, sie war ja damals die Leiterin des Altenzentrums in Büdesheim und so kamen wir wieder zusammen.

Noch heute habe ich Alpträume und kann die uns widerfahrene Ungerechtigkeit nicht vergessen, angefangen von der Raiffeisenkasse, die sich auf den seinerzeitigen Vertrag stützt, nichts mehr zu zahlen. Wir erhielten in den 50er Jahren eine Nachzahlung von DM 30.000. —, doch dies ist ja in keinem Verhältnis zu dem Objekt, aber von Moral, Anstand und Gewissen scheinen diese Leute nicht viel zu halten. So bat ich auch um eine billige Hypothek, als wir unsere Wohnung kaufen wollten, angefangen von dem damaligen Vorstandsvorsitzenden, inzwischen verstorben, und auch einem anderen Mitglied des Vorstandes hat man es mir 100% zugesagt, aber nichts gehalten hat.

Vor einiger Zeit rief ein Mann aus Bretzenheim an, er hätte das Klavier aus meinem Elternhaus und für DM 1.000.- könnte ich es haben, dem habe ich meine Meinung gesagt.

Auch heute, nach fast 60 Jahren verstehe ich nicht, wie Regierung, Behörden dem Wachsen der rechten Parteien gegenüber stehen, hat man vergessen, welches Unglück über die ganze Welt kam und ist es bestimmt besser ein Feuer zu löschen, bevor ein Brand entsteht.

nach oben