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Selma Herz - ein deutsch-jüdisches Schicksal

Bild: Im Auto vor dem Haus in Bingerbrück sitzen (von links): Ruth, Josef und Erna Löwenstein, sowie Ruth, Selma und Günter Herz. Hermann Herz lehnt sich an den Wagen. Er und seine Frau Selma wurden deportiert.

Text: Carl Woog

Frau Selma Löwenstein wird vor fast 100 Jahren, am 10.9.1897, in Bingerbrück geboren, besucht dort die Volksschule und anschließend das Lyzeum in Bingen.
1921 heiratet sie den Kohlenhändler Hermann Herz. Drei Kinder gehen aus dieser Ehe hervor: Günther, Ruth und Kurt. Über Kurt Herz, der sich 1938 in der 7. Klasse der Bingerbrücker kath. Volksschule befindet, steht in der Bingerbrücker Schulchronik:

„..Der Knabe war am 9.11.1938 in der Gedenkstunde für die Gefallenen der Bewegung (Anmerkung: gemeint ist hier die alljährlich wiederkehrende Gedenktag zum Marsch auf die Münchener Feldherrnhalle)
..., nachdem der Lehrer über die Machenschaften des Weltjudentums gegen unseren Führer und den Nationalsozialismus gesprochen hatte... war er fortgeschickt worden. Am 10.11.1938 war die Aktion gegen die Juden.
(Anmerkung: Goebbels hatte nach dem Mord an einem deutschen Gesandtschaftsrat in Paris am 9.11.1938 durch einen polnischen Juden auf der jährlich wiederkehrenden Gedenkfeier der 'Alten Kämpfer' das Startzeichen für den Pogrom gegeben, der sofort in der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938 beginnt und erst am 11.11.1938 zu Ende geht. In Bingerbrück ist das Haus und das dazugehörige Inventar der Familie Herz Mittelpunkt der Angriffe Bingerbrücker Nationalsozialisten, vor allem der DAF. Die namentlich bekannten Bingerbrücker Nationalsozialisten rauben Einrichtungsgegenstände und tragen diese offen durch die Straßen; wir werden in einem gesonderten Artikel über diese Vorgänge berichten.)

Daraufhin kamen die beiden jüdischen Kinder nicht mehr zum Unterricht.'
Kurz darauf verläßt auch Kurt Herz und seine Schwester Ruth Deutschland Richtung Schweden zu Verwandten; der älteste der beiden Brüder war schon vorher ausgewandert.
1938 nach der Reichskristallnacht wird für die verbliebenen Eltern das Leben sehr schwierig. Zunächst wird ihr Wohnhaus 'unter dem Zwang der Verhältnisse' veräußert; 'Zwangsarisierung' ist hierfür die offizielle Bezeichnung. Endlose Schikanen machen ihnen das Leben zur Hölle. Sie dürfen beispielsweise nicht mehr an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen, müssen ihre Schmuck und Kunstgegenstände veräußern und ihre Steuerabgaben werden drastisch erhöht. Im März 1942 werden Selma und ihr Mann deportiert; die letzte Postkarte aus Bingen an die Kinder in Schweden trägt das Poststempeldatum 18.2.1942. Die Juden aus Bingen und Umgebung sind mittlerweile zentral in sogenannten „Judenhäusern' in Bingen zusammengefaßt worden. Bei der Deportation dürfen die beiden nur jeweils fünfzig Kilogramm Handgepäck und hundert Reichsmark mitnehmen. Spätestens hier wird ihnen bewußt, daß es sich um eine Umsiedlung ohne Rückkehr handelte. Ziel des Transportes ist das Lager Piaski im polnischen Bezirk Lublin. Es ist Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern Sobibor, Majdanek und Belzec. Von den Binger Juden, die im März 1942 nach Piaski gebracht werden, hat vermutlich keiner das Jahresende erlebt.

Die erste und zugleich letzte Postkarte aus Piaski, ist mit dem Datum 14. April 1942 abgestempelt. Sie ist das letzte Lebenszeichen der beiden Bingerbrücker Juden. Sie schreiben (Anmerkung: die Karte wurde zensiert):

"Mein lieber Kurt ! Jetzt kommst Du mein lieber Kurt an die Reihe, etwas von uns zu erfahren. Jetzt sind wir bald 4 Wochen von den Lieben fort und melden soweit gut. ... Viele besuchen Onkel Josef aus Bingen und freuen sich sehr bei ihm weilen zu können."
(Anmerkung: Onkel Josef war bereits einige Jahre zuvor in Bingen gestorben. Das bedeutet, daß mit dieser Nachricht „viele besuchen Onkel Josef aus Bingen ...' klar zum Ausdruck gebracht werden soll, daß Selma und Hermann Herz zu dieser Zeit sich durchaus über ihr weiteres Schicksal bewußt sind und mit einem nahen Tod rechnen).

Nach dieser Postkarte kommen keine Lebenszeichen mehr aus Polen; in der Deportationsliste des Bundesarchivs steht in der Rubrik Todesdatum: 'verschollen'. Mit Selma Herz und ihrem Mann sterben die einzigen Bingerbrücker Juden, die glaubten, sie könnten unbeschadet die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Bingerbrück überstehen.
Scheinbar war ihre Liebe zur Heimat größer als ihre Angst vor dem Staatsterror.

'Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens'

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