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Der jüdische Friedhof in Bingen

Friedhöfe und das ganze Bestattungswesen mit seinen vielen Riten und Bräuchen spielen im Judentum eine wichtige Rolle. Darum ermöglicht der Besuch eines jüdischen Friedhofs Einblicke in die Kultur und religiösen Auffassungen der Juden.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist der große, 400 Jahre alte Friedhof zu Bingen. Er ist einer der wenigen, der - trotz wiederholter Schändungen - der von den Nationalsozialisten betriebenen systematischen Verwüstung, Enteignung oder dem Zwangsverkauf mit Abräumung der Grabsteine entgangen ist. Im Jahre 1570 hatte die jüdische Gemeinde ein kleines Gelände am Berghang zwischen Wald und Weiden weit außerhalb der Stadtmauer als Begräbnisstätte erworben. Bis dahin hatten die Binger Juden ihre Verstorbenen auf dem Mainzer Friedhof beigesetzt.

Dieser älteste Teil des Friedhofs liegt im Osten des 265 m langen, aber unterschiedlich breiten Terrains. Da er auch von den umliegenden Gemeinden zur Bestattung benutzt wurde und die Zahl der jüdischen Einwohner in Bingen in der Neuzeit stetig wuchs, waren im Laufe der Zeit Veränderungen und Erweiterungen erforderlich. So wird vermutet, daß der alte Teil, der 610 Grabsteine aufweist, "wenigstens einmal aufgeschüttet und aufs neue benutzt worden ist" (So Rabbiner Grünfeld 1905). Die Unregelmäßigkeit der Umfassungslinie deutet auf verschiedene Erweiterungen durch Ankäufe von Nachbargelände hin.

Die Grabsteine des alten Teiles, die ohne erkennbare Ordnung unter hohen Bäumen und Gestrüpp stehen oder liegen, sind durchweg aus Sandstein gehauen und ziemlich gleich im Aussehen. Die oft den ganzen Stein einnehmenden Inschriften sind in hebräischer Schrift eingemeißelt. Die Gräber sind und waren nicht eingefaßt, sondern eingeebnet.

Der Eingang zu diesem Friedhof befand sich in der Süd-Ost-Ecke; das zugemauerte Tor ist noch erkennbar.
Der heutige Eingang liegt auf der Schnittlinie zwischen dem östlichen älteren Teil und dem westlichen neueren Teil, der 1856 angelegt worden ist. Man betritt zunächst eine Plattform mit einer niedrigen Umfassungsmauer, den Resten der damals errichteten und 1970 abgetragenen Trauerhalle. An der Wand hinter der Eingangstür befindet sich das Waschbecken mit Wasserhahn zur rituellen Reinigung nach dem Besuch des Friedhofs.

Der neuere Teil hat einen ganz anderen Charakter; er gleicht in vielem einem christlichen Friedhof: Gerade Grabreihen mit Einfassungen und den unterschiedlichsten Grabmonumenten. Die Inschriften sind durchgängig  in deutscher Sprache, oft mit hebräischen Zusätzen und jüdischen Symbolen.
Die einzelnen Grabstätten können dem Lageplan "Neuer Teil" entnommen werden.

Das Sterbedatum ist auch auf jüngeren Grabsteinen bisweilen zusätzlich in der jüdischen Zeitrechnung und mit hebräischen Monatsnamen angegeben. Die Zählung der Jahre setzt bei der Erschaffung der Welt an. Diese wird nach christlicher Zeitrechnung für das Jahr 3760 vor Christi Geburt angenommen.

In der Süd-West-Ecke des Friedhofsareals befindet sich - etwas höher gelegen - seit 1872 der Friedhof der orthodoxen Gemeinde (siehe Lageplan).
Bis 1925 war dieser Bereich durch eine Mauer abgetrennt.

Beachten Sie bitte:

Eine sehr informative und ausführliche Bestandsaufnahme des jüdischen Friedhofs in Bingen - wie auch zu anderen Friedhöfen in Deutschland - finden Sie auch auf der Homepage des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Die Adresse ist:
http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?function=stat&sel=bng&anzeige=nam#nam