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Erinnern, wie alles seinen Anfang nahm - Gedenken 9. Nov. 2016

Beim Gedenken an der ehemaligen Binger Synagoge wird aus der Biografie von Vadim Repnow gelesen
Bericht von Klaus Biesdorf

„Wer die Erinnerung an die Opfer verdunkelt, tötet sie zum zweiten Mal" - dies sind Worte des Anfang Juli verstorbenen Elie Wiesel, die in diesem Jahr das Erinnern an der Binger Synagoge leiten sollten. Denn vor 78 Jahren wurde wie im ganzen „Deutschen Reich" auch die Binger Synagoge in der Rochusstraße von Anhängern des nationalsozialistischen Regimes geschändet und in Brand gesetzt.
Diese Synagoge, vor weit mehr als 110 Jahren unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und des Rates der Stadt Bingen eingeweiht, war daher der Ort, um innezuhalten und ein kleines Zeichen gegen das Vergessen mit Erinnerung, Musik und Gebet zu setzen. Das Gedenken wurde vom Ausschuss für Ökumene der Pfarrgemeinde St. Martin, der Johanneskirchengemeinde, der Freien Evangelischen Gemeinde und der Fels-Gemeinde gemeinsam mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen und unter Mitwir-kung des in der ehemaligen Synagoge beheimateten Vereins Tiftuf gestaltet.

Als Kleinkind das Massaker von Babyn Jar überlebt
Unter den trotz des sehr regnerischen Wetters zahlreich Teilnehmenden konnten Oberbürgermeister Feser, Landtagsabgeordneter Hüttner und Binger Stadträte begrüßt werden. Die einfühlsame musikalische Begleitung oblag einer Flötistin der Fels-Gemeinde. Einen ganz besonderen Akzent erhielt diese Gedenkstunde durch den Beitrag von Vadim Repnow, Mitglied des Vereins Tiftuf, der als Zweijähriger das Massaker in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew (29. und 30. September 1941) überlebt hat. Natalia Piskunova und Dr. Detlef Dann verlasen den von Vadim Repnow verfassten Text, in dem in gebotener Kürze dieser Teil der Biografie lebendig wurde. Die Eltern ließen bei ihrem zwangsverordneten Aufbruch den Jungen bei einer Nachbarin zurück, die ihn an eine andere Familie weitervermittelte, in der unter großem persönlichen Einsatz der Junge als Waise von Lusja wie von der eigenen Mutter großgezogen wurde.
Man spürte in den Worten Repnows die tiefe Dankbarkeit gegenüber dieser Frau, zumal er kaum Erinnerungen an die leibliche Mutter Lisa hatte, die von den Nazis getötet wurde. Nur ein Bild aus Jugendtagen prägte die Erinnerung an sie. Die Namen der Retterinnen, Olga Dschiwidschiwjanzewa und Ludmila Dmitrakowa Repnina wurden mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern" in der Ehrenmauer der Gedenkstätte Yad Vashem eingemeißelt. Zu Ehren der Mutter spielte Repnow dann auf der großen Melodica das Lied: „Für meine jiddische Mamme".

Einen Blick auf die Geschichte der Binger Juden gewährte Beate Goetz mit zwei Texten, die Ronald und Marjorie Simon während ihres Besuches 2014 in Bingen dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen mit weiteren Familiendokumenten überlassen hatten.
Daran zu erinnern, wie alles seinen Anfang nahm, die Verächtlichmachung und Ausgrenzung des Anderen bis hin zur physischen Vernichtung, ist Aufgabe einer jeden nachfolgenden Generation und verleiht dem Gedenken an der Binger Synagoge die Notwendigkeit und Legitimation.