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Gaustraße 45: Fanny Wolf geb. Rosenbaum, Martin, Eugen, Gertrud geb. Levy, Klara und Katharina Rosenbaum

 

Text Beate Goetz

Fanny Wolf kam am 8. Juni 1871 in Wannbach Kreis Ebermannstadt in Oberfranken als Tochter des Kaufmanns Heinemann Rosenbaum und seiner Frau Marie geborene Cohn zur Welt. Sie war verheiratet mit Markus (Max) Wolf II, der am 26. April 1860 in Planig geboren wurde. Seine Eltern waren der Viehhändler Nathan Wolf und seine Ehefrau Judith geborene Hirsch. Die Hochzeit von Max und Fanny Wolf fand am 27. Juni 1907 in Nürnberg statt. Die Familie wohnte in dem Haus in der Gaustraße mit der damaligen Nummer 45, das Max Wolf 1912 von Moritz Simon II erworben hatte. Hinter dem zweistöckigen Wohnhaus mit Kniestock standen ein einstöckiges Kelterhaus mit Kniestock, eine Waschküche und diverse kleinere Gebäude.
Max Wolf war in erster Ehe mit Marie Rosenfelder verheiratet, geboren am 6. Januar 1869 in Bamberg, Tochter des Kaufmanns Isidor Rosenbaum und seiner Frau Antonia. Die drei Söhne des Paares wurden in Bingen geboren: Eugen am 10. März 1892, Martin am 24. Juni 1895, Friedrich Josef (Fritz) am 30. Januar 1897. Marie Wolf starb am 7. Februar 1906 in Bingen im Alter von 37 Jahren.
Martin Wolf war Kaufmann und in der Gaustraße 45 mit einer Glas- und Porzellanwarenhandlung registriert. Er war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg von 1915 bis 1918 und kämpfte in den Vogesen, in der Schlacht an der Somme, in Rumänien und wurde durch einen Knieschuss verwundet. Er erhielt das Bayerische Militärverdienstkreuz mit Schwertern und das Frontkämpfer-Ehrenzeichen.
Auch Fritz Wolf war Kaufmann und Handelsvertreter. Am 3. Februar 1915 meldete er sich nach Offenbach ab. Von 1923 bis 1933 hielt er sich mit kurzen Unterbrechungen in Australien auf, war zwischenzeitlich in Pforzheim gemeldet. Am 11. Juli 1934 emigrierte er in die Schweiz und ließ sich in La Chaux de Fonds nieder.
Eugen Wolf, der Älteste, war Weinhändler. Vor seiner Eheschließung hatte er in der Schloßbergstraße 1 gewohnt. Er war verheiratet mit Gertrud Levy, die am 29. April 1903 in Aach, Kreis Trier, zur Welt gekommen war. Ihre Eltern waren der Viehhändler Louis Levy und seine Frau Lina geborene Baer. Gertrud Levy kam am 6. April 1927 nach Bingen, am 17. Januar 1928 wurde Tochter Marie Eleonore geboren.
Auch Eugen Wolf war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 und wurde mit dem Hessischen Kriegsehrenzeichen und dem Frontkämpfer- Ehrenzeichen ausgezeichnet. Eugen Wolf war Vertrauensmann für Bingen des Jüdischen Nationalfonds e. V. Berlin.
Martin Wolf und Familie Eugen Wolf waren 1940 im Besitz von gemeinsamen Bürgschaften für die Auswanderung nach Nordamerika. Sie waren mit den Nummern 17097 und 18817 beim Amerikanischen Konsulat in Stuttgart registriert, die Bürgschaftspapiere waren vom Konsulat schon angefordert.
Fanny Wolf, die (Stief-)Mutter, hatte keine Auswanderungspläne. Da Ehemann Max Wolf am 21. August 1939 an „Altersschwäche und einem Zuckerleiden“ gestorben war, galt Fanny Wolf im März 1940 als Haushaltsvorstand. Zu ihren Vermögens- und Einkommensverhältnissen befragt, notierte sie in ihrer Familienliste, sie besitze ein „Mietwohngrundstück“ in der Gaustraße 45, ferner Bank- und Sparguthaben. Die Söhne Martin und Eugen hätten weder Vermögen noch Einkommen. Es war die Folge der sukzessiven Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.
Martin Wolf wurde am 20. März 1942 mit der Nummer 540 nach Piaski in Polen deportiert. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Eugen Wolf, seine Frau Gertrud und Tochter Marie wurden mit demselben Transport verschleppt; sie hatten die Deportationsnummern 537, 538 und 539. Das weitere Schicksal von Eugen Wolf ist unbekannt. Schon am 31. März 1942 erfolgte für Gertrud Wolf und Tochter Marie der Weitertransport in das Vernichtungslager Belzec, wo sie ermordet wurden.
Fanny Wolf gehörte mit der Nummer 930 dem Alterstransport nach Theresienstadt vom 27. September 1942 an. Sie starb am 16. Januar 1944 im Ghetto.
Auch die beiden ledigen Schwestern von Fanny Wolf, Klara und Katharina Rosenbaum, wurden mit demselben Transport von Bingen aus deportiert. Katharina Rosenbaum, geboren am 26. Juni 1869 in Wannbach, war am 17. April 1939 aus Fürth in Bayern zugezogen und lebte bis zum 8. Juni noch bei der Schwester in der Gaustraße 45. Am 9. Juni musste sie in das „Judenhaus“ Gaustraße 11 umziehen. Klara Rosenbaum, am 21. April 1867 in Wannbach geboren, kam am 17. Juni aus Fürth nach Bingen. Sie musste sofort in die Gaustraße 11 einziehen. Katharina Rosenbaum starb am 30. Oktober 1942, ihre Schwester Klara am 9. April 1943 im Ghetto Theresienstadt einen gewaltsamen Tod.
Das Anwesen in der Gaustraße 45 fiel 1944 an die Finanzverwaltung des Deutschen Reiches, wurde 1952 an Fritz Wolf in der Schweiz restituiert, der es 1956 wieder veräußerte.
Alle sieben Stolpersteine der Familie wurden von Dr. Thomas Hilberath aus Eningen unter Achalm im Rahmen des Schuljubiläums des Stefan George-Gymnasiums finanziert.