. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Beuchergasse 13. August Stern, Paula geb. Oppenheimer, Walter, Ilse verh. Frohmann

Die Beuchergasse von der Schmitt- straße aus mit Blick auf die Giebelseite der legendären Gaststätte „Patronetasch“. Vorkriegsaufnahme aus der Sammlung der „Historischen Gesellschaft Bingen“

Text: Beate Goetz

Auch der ältere Bruder von Julius Stern, August Adolf Stern, geboren am 16. Juni 1877 in Waldalgesheim, war Metzger. Er wohnte mit seiner Familie in der Beuchergasse 21, nach einer Umnummerierung 23. Schon 1902 hatte der Vater, Moses Stern aus Waldalgesheim, das Anwesen erworben, das 1906 an den Sohn überging. Zur Straßenfront hin stand ein 3-stöckiges Wohnhaus, dem sich nach hinten ein 2-stöckiger Zwischenbau mit Kühlanlagen und ein 2-stöckiger Hinterbau mit Wurstküche anschlossen.
Aus einer Anzeige in der Rhein und Nahe-Zeitung vom 20. Januar 1933 geht hervor, dass die Familie einen zweiten Metzgerladen in der Schmittstraße 53 betrieb. Man warb mit „Prima Ochsenfleisch, Prima Rindfleisch und 1a Kalbfleisch sowie gerolltem Nierenbraten“.
August Stern war verheiratet mit Paula geborene Oppenheimer, die am 15. Mai 1883 in König, Kreis Erbach im Odenwald, als Tochter von Simon und Janette Oppenheimer zur Welt gekommen war. Die beiden Kinder des Paares wurden in Bingen geboren: Walter am 9. April 1907, Ilse Janette am 8. November 1912.
Auch Walter Stern war Metzger. Im Zuge der Novemberpogrome von 1938 wurde er in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Ein Jahr später hatte er für den 21. November seine Auswanderung nach Palästina geplant. Der Kriegsausbruch machte seine Pläne, aus Nazi-Deutschland zu fliehen, zunichte. Walter Stern wurde am 20. März 1942 mit der Nummer 528 nach Piaski in Polen deportiert. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Ilse Stern absolvierte in Frankfurt eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete bis 1938 in ihrem Beruf, vermutlich im Jüdischen Krankenhaus in der Gagernstraße. Am 15. September 1938 heiratete sie den Kaufmann Max Frohmann, der am 20. November 1901 als Sohn der Eheleute Josef und Amalie Frohmann geborene Grünebaum in Reinheim im Odenwald zur Welt kam. Max Frohmann war Leiter mehrerer Zigarrenfabriken.
Am 20. Oktober 1941 wurde Ilse Frohmann mit ihrem Mann, den Schwiegereltern und Schwägerin Meta in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) in Polen deportiert, wo sie alle Familienmitglieder verlor. Auch dort arbeitete Ilse Frohmann als Krankenschwester, bis sie im Mai 1943 nach Auschwitz deportiert und kurz darauf ins Lager Christianstadt, ein Außenlager des KZ Groß-Rosen in Niederschlesien, verlegt wurde. Hier musste sie vierzehn Monate lang Zwangsarbeit leisten. Sie überlebte einen Todesmarsch in das KZ Bergen - Belsen in der Lüneburger Heide, wo sie am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurde. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. (Quelle: Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz, Frankfurt am Main).
August Stern war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg vom 5. Mobilmachungstag 1914 bis zum 25. November 1918 und erhielt ein Ehrenkreuz, wie er in seiner Familienliste vom März 1940 schreibt. Nach seinen Vermögensverhältnissen befragt, gibt er an, ein Haus in der Beuchergasse 23 zu besitzen, ferner werde er von Angehörigen unterstützt. Auf die Frage nach Auswanderungsvorbereitungen vermerkt er, Sohn Walter habe seine Vorbereitungen für eine Auswanderung nach Palästina abgeschlossen und warte auf Abruf; Tochter Ilse Frohmann stehe in Frankfurt vor der Auswanderung nach Amerika. – Das Schicksal wollte es anders.
Auch August Stern und seine Frau Paula hatten eine Wartenummer für Amerika und eine Anmeldung für Palästina. Das Ehepaar wurde jedoch am 27. September 1942 mit den Nummern 921 und 922 nach Theresienstadt deportiert, am 16. Mai 1944 nach Auschwitz verlegt und ermordet. Das Haus in der Beuchergasse 23 ging 1944 an die Finanzverwaltung des Deutschen Reiches über.
Die Stolpersteine für August und Paula Stern wurden von zwei Binger Ehepaaren finanziert; Ron und Majorie Simon aus den USA erinnern mit ihrem Stein an Walter Stern. Bei ihrem Besuch in Bingen 2014 beschlossen sie spontan, Gunter Demnigs Erinnerungs-Projekt zu unterstützen. Dr. Thomas Hilberath, ein gebürtiger Binger und ehemaliger Schüler des Stefan George-Gymnasiums, übernahm die Kosten für den Stolperstein für Ilse Frohmann geborene Stern ebenso wie für sieben weitere Stolpersteine in der Gaustraße 55. Er folgte damit einem Aufruf seiner Schule anlässlich  des Schuljubiläums im Jahr 2014, auch für Binger Stolpersteine zu spenden.