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Und plötzlich waren sie alle weg ...

Befragung von Zeitzeugen über die Verfolgung und das „Verschwinden" von Juden in Rheinhessen
von Dina Wiegers (Schülerin des Stefan George-Gymnasiums in Bingen)

Informationen aus dem Gespräch mit Elli Böcking aus Bingen-Büdesheim
Die Familie Böcking stand in gutem Kontakt mit der jüdischen Familie Bermann. Der Vater von Elli Böcking und ihr Onkel hatten den Keller unter dem Haus der Bermann gemietet und lagerten in ihm Wein. Durch den alltäglich Kontakt waren sich die Familien waren näher gekommen und trafen sich oft im Haus der Bermanns zur Hausmusik. Die Schwiegertochter der Bermanns, Delfhine, spielte Zither, und Ellis Vater sang dazu Damit das kleine Hauskonzert nicht von SA-Männern oder Nazis bemerkt wurde, stand Ellis Mutter Schmiere vor dem Haus und pfiff sobald sich jemand näherte. Die Familie Berman bestand aus Amalia Berman (geb. Feist), ihren Kindern Berta, Karl und Felix Bermann, von denen allerdings nur noch Felix mit seiner Frau Delfhine (geb. Wendel) bei Amalia Delfhine lebten. Amalia wollte bis zu ihrer Deportation nicht wahr haben, dass man ihnen "einfach so" etwas wegnehmen, geschweige denn antun könnte. Die Kinder von Felix und Delfhine, Karl und Nelly, waren schon sehr früh nach Palästina geflüchtet, da sie die Bedrohung der Nationalsozialisten richtig eingeschätzt hatten. Sie schrieben ihren Eltern immer wieder, dass diese doch mit ihrer Großmutter Amalia zu ihnen kommen sollten. Doch da Amalia nicht ihren Besitz aufgeben wollte, blieben Felix und Delfhine auch, um sie nicht alleine zu lassen. Als Elli Böcking ein Kindergartenkind war, ging sie fast jeden Tag zu Amalia Bermann, als wäre es fast selbstverständlich,. Im Haus der Bermanns war alles sehr faszinierend und interessant für sie. „Bermanns waren immer sehr herzlich und freundlich, ich war gerne bei ihnen. Mit Amalia habe ich an ihrem Schreibpult, an das ich mich jetzt noch haargenau erinnere, das Rechnen gelernt."
Als auch Amalia klar wurde, dass ihre Enkel, bezüglich ihres Schicksals, das sie in Deutschland erwarten würde, Recht hatten, gab Amalia das Gesellenstück ihres Enkels Karl, eine Menora (ein siebenarmiger Leuchter), dem Vater von Elli. Dieser hob den Leuchter auf, obwohl man ihn schwer bestraft hätte, wenn das risikoreiche Unterfangen aufgeflogen wäre. 1942 wurden Amalia, Felix und Delfhine nach Lublin, vermutlich dort ins Vernichtungslager Majdanek, deportiert und starben dort 1942. Erst nach dem Krieg erfuhren Elli und ihre Mutter von der riskanten Aktion ihres Vaters bzw. Ehemannes. Bis heute weiß Elli Böcking nicht, wo ihr Vater die Menora die ganzen Jahre versteckt hielt. Karl Bermann kam nach dem Krieg kurz nach Bingen-Büdesheim zurück und besuchte eine mit ihm befreundeten Familie. Als Elli Böcking erfuhr, dass Karl Bermann in der Stadt war, machte sie sich auf dem Weg zu ihm, um ihm die Menora auszuhändigen, aber sie kam einen halben Tag zu spät. Von den Leuten, bei denen er kurzzeitig wohnte, erfuhr sie jedoch, dass diese ihn demnächst in Israel, seiner neuen Heimat, - besuchen würden. Elli Böcking gab ihnen daraufhin die Menora, die sie Karl dann auch erfolgreich aushändigten.
1999 kam Karl Bermann auf eine Einladung der Stadt Bingen und des 'Arbeitskreises Jüdisches Bingen', mit 29 anderen Juden, die auch flüchten mussten, für eine Woche in seine Heimatstadt zurück. Zu dieser Zeit traf Elli Böcking Karl Bermann im Binger Ca% Köppel, um sich zu erkundigen, ob das Gesellenstück bei ihm angekommen war. Bermann bedankte sich bei ihr und vor allem bei ihrem verstorbenen Vater, für die Aufbewahrung seines wichtigsten Erinnerungsstücks an sein Leben in Deutschland....
 
Informationen aus Gesprächen mit Frau May, Frau Basler (verst.) und Herrn Neubert(verst.) aus dem Altenpflegeheim Martin-Luther-Stift
Wie erlebten Sie die Judenverfolgung?
Basler: Ich hatte zwei Freunde, Monika und Wolfgang, die zwei Jahre jünger waren als ich. Sie verschwanden ganz plötzlich. Ich hörte nie wieder was von ihnen.
May: Bei uns in Weiler gab es nur eine jüdische Metzgerei, immer wenn ich dort einkaufen sollte, musste ich vorher kontrollieren, ob dort ein SA-Mann stand und jeden kontrollierte, der es wagte in den Laden zu gehen ...
Basler: Ich selbst habe nichts von der Unterdrückung und Verfolgung mitbekommen, ich war schließlich noch sehr jung. Ich glaube, die meisten Juden wussten, bis es zu spät war, auch nichts... Sie waren plötzlich alle weg, jeder glaubte die Lügen der NSDAP, keiner hat wirklich nachgedacht, niemand wollte oder konnte dies wahrhaben: Wir waren so dumm!
Frau Basler, was haben Sie von der Reichspogromnacht bzw. dem Synagogenbrand in Bingen mitbekommen ?
Basler: Mein Mann war von Beruf Maler, an diesem Tag strich er gerade das Finanzamt an. Ich war auf dem Weg zu ihm, um ihm einen Kaffee zu bringen, als das Feuer in der Synagoge ausbrach. Als ich bei ihm war, loderten die Flammen schon hoch, ich werde diesen Anblick wohl nie vergessen. Auch viele andere jüdische Bauten wurden attackiert, zum Teil war es so schlimm, dass ganze Sofas aus den Fenstern geschmissen wurden!
Wussten Sie etwas von den Konzentrations- oder Arbeitslagern ?
Basler: Nein, von alledem haben wir nichts mitbekommen, erst nach dem Krieg erfuhren wir von diesen Lagern und den schrecklichen Umständen dort.
May: Ich wusste auch nichts, vor allem als Kind wurde man „im Dunkeln" gehalten: Immer wenn wir Kinder im Raum waren und das Gesprächsthema auf den Nationalsozialismus kam, wurden wir rausgeschickt : „Könnt ihr bitte spielen gehen, so etwas ist nichts für Kinderohren", hieß es dann.
Bekamen Sie jemals Probleme mit dem nationalsozialistischen Regime ?
Neubert: Ja, das passierte sogar relativ häufig: Meine Familie hatte einen Obststand am Speisemarkt, da wo der große Brunnen steht. Da gab es häufig Ärger, weil z.B. mein Bruder den Hitlergruß verweigerte. Auch ich hatte einige Auseinandersetzungen und musste sogar einmal ins Gefängnis deswegen ! Wegen der vielen Streitereien meines Bruders mit der SA und der SS musste er in ein KZ, eigentlich nur befristet, doch er kam nie zurück, die Willkür & die Tötungslust eines Aufpassers kostete ihn das Leben.
Basler: Mein Mann litt indirekt unter dem Nationalsozialismus: Er war im Zweiten Weltkrieg Soldat und kam in Gefangenschaft. Nach Monaten harter Zwangsarbeit in der Sowjetunion musste er mit seinen Kameraden nach seiner Befreiung den ganzen Weg zu Fuß zurücklaufen, sie waren viele Wochen unterwegs, und das Blut stand ihnen bis zu den Knöcheln in den Schuhen. Das waren zwar nicht die Nazis die ihm & den anderen Soldaten dies antaten, doch es war das Regime der Sowjetunion, die sich so für ihre Kriegsopfer rächte...
 
Informationen aus dem Gespräch mit Dr. Paul Becker aus Bingen
Im Alter von acht Jahren, 1933, zog Herr Dr. Becker mit seinen Eltern in die Schloßbergstraße nach Bingen. Später war in dem Gebäude das "Windrad". Vermieter der Familie Becker war ein älteres jüdisches Ehepaar, Clara und Julius Hausmann, die eine Weingroßhandlung „Groß und Hausmann" betrieben. Sie wohnten mit im Haus und waren angenehme Vermieter. Herr Hausmann hatte Krebs im Endstadium, trotzdem durfte er nicht ins Binger Krankenhaus, da er kein Arier war. Im obersten Stockwerk des Hausmann-Hauses wohnte ein Lehrer des Stefan-George-Gymnasiums, der ein sehr überzeugter Nationalsozialist war. In der sog. Reichskristallnacht, am 10. November 1938, brach man in die Wohnung von Hausmanns ein und verwüstete sie. Clara Hausmann konnte gerade noch in den Garten flüchten, musste jedoch ihren todkranken Ehemann zurücklassen. Dieser wurde, wie viele andere Juden auch, zur Polizeiwache gebracht, wo dann entschieden wurde, in welches Arbeits -oder Vernichtungslager er kommen sollte. Ein Kriminaloberrat namens Rust, der das Ehepaar wohl kannte, befahl jedoch, den Sterbenden in seine Wohnung zurück zu bringen. Als Julius Hausmann noch das Haus verlassen konnte, um zu seiner Arbeit zu gehen, traf der Schüler Paul Becker ihn auf der Straße. "Gut erzogen, wie ich war, wollte ich unseren Nachbarn grüßen", erzählt Dr. Becker, "aber Herr Hausmann schaute weg. Später erklärte er mir, dass es besser für mich wäre, wenn wir so tun würden, als ob wir uns nicht kennen. Ich fand es als Jugendlicher schon sonderbar, dass die Juden anders behandelt wurden als wir, aber uns war von klein auf eingeimpft worden, dass der Staat nichts falsch machen kann. Der Staat war für uns einfach eine unafechtbare Autorität". Paul Becker erinnert sich, dass die sogenannten Judensterne erst nach der sog. Reichskristallnacht eingeführt wurden. Die meisten Geschäfte, in die die Juden gehen durften, waren schon geschlossen oder zerstört worden. In der Schmittstraße gab es zum Beispiel eine jüdische Metzgerei und zwar dort, wo heute die Buchhandlung Schweikhard ist. Außerdem gab es in der Schmittstraße noch drei jüdische Bäcker und eine jüdische Wäschehandlung. Um die Familie Hausmann zu unterstützen, stellte die Mutter von Dr. Paul Becker heimlich, damit der nationalsozialistische Lehrer nichts mitbekam, immer etwas Essen vor die Tür. Doch da der Lehrer einen Verdacht hatte, spionierte er ihr hinterher und kam dem ersten Essensversteck, hinter den Sandsäcken für Fliegeralarm, auf die Schliche. Von nun an überlegte sich Paul Beckers Mutter immer wieder neue Versteckstrategien. Nach dem Tod ihres Mannes versprach man Clara Hausmann, eine Versetzung in den Osten, wo sie angeblich kranke Juden heilen sollte. Sie kam niemals dort an, vermutlich war dies nur ein Vorwand gewesen sie, eine ältere Frau, in eines der Vernichtungslager zu locken. Das Haus der Hausmanns wurde 1944 bei den Bombenangriffen auf Bingen noch schwer zerstört.
Neben den den Erinnerungen an die Familie Hausmann erzählte uns Herr Dr. Becker noch, dass die Rathausstraße auch „Judengass" genannt wurde, da dort sehr viele Juden lebten. Es gab auch Personen, die den Juden halfen. Ein Beispiel dafür sind die barmherzigen Brüder, die kranke Juden aufnahmen und kostenlos pflegten. Dies wurde von den Nationalsozialisten natürlich nicht gerne gesehen und deswegen nannten böse Zungen sie auch „warme Brüder" und versuchten sie mit allen Mitteln zu verscheuchen, indem sie ihnen zum Beispiel Homosexualität unterstellten. Homosexuelle waren in den Augen der Nationalsozialisten unnütz, galten sogar als „Abschaum" und wurden in Vernichtungslager gebracht. Die Mönche standen jedoch unter dem Schutz der katholischen Kirche in Mainz, so konnten sie weiterhin Juden oder anderen Verfolgten helfen...
Obwohl Herr Dr. Becker zur Zeit der Nationalsozialisten noch sehr jung war und noch nicht den Ernst der Lage und die Grausamkeit der Nazionalsozialisten voll erfassen konnte, wird er sich wohl immer an diese Zeit und an Herrn und Frau Hausmann erinnern...