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Ein Kleiderbügel und seine Geschichte

AZ 19.08.2014: Odyssee Weit gereistes Utensil verweist auf Binger Kleidungsgeschaft Heine & Schott / Eigentümer mussten emigrieren

von Beate Goetz - Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Jüdisches Bingen

BINGEN/NIKOSIA.    Wie kommt ein Binger Kleiderbügel nach Nikosia in Zypern? - eine Anfrage, die bei der Stadtverwaltung eingegangen war, erreichte kürzlich den Arbeitskreis Jüdisches Bingen.
Björn Luley, der Leiter des dortigen Goethe-Institutes, schrieb: „Ich besitze einen uralten hölzernen Kleiderbügel mit dem Aufdruck Heine & Schön Bingen am Rhein, wobei & Schön offenbar mit Sandpapier auf beiden Seiten abgeschmirgelt wurde."

Das Foto zeigt das Bekleidungshaus Heine und Schott in den 1920er Jahren Foto: Sammlung Hans Bernhard Seyler

Postkarte belegt Umzug

Der Historiker interessierte sich für die Geschichte, die dahinter steckt, zumal er in Heine einen jüdischen Partner vermutete. Schnell konnte man ihm berichten, dass es sich um einen Kleiderbügel des Binger Bekleidungshauses Heine & Schott (nicht Schön) handeln müsse, wobei der jüdische Partner Sally Schott war.
Im Binger Adressbuch gegen Ende des 19. Jahrhunderts findet man zu Schmittstraße 6 den Eintrag: Sally Schott, in Fa.  Heine u. Schott, Kleiderfabrik, Geschäftslokal. Eine Postkarte aus dem Verlag der Binger Druckerei Wilhelm Polex, vermutlich aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, belegt einen Umzug des Unternehmens zum Speisemarkt 12: Heine & Schott - Spezialgeschäft für Herren- und Knabenkleidung. Man handelte mit Stoffen, Sport- und Lodenbekleidung und warb mit der eigenen Schneiderei und Anfertigung nach Maß.
Sally Schott wurde am 26. Juli 1865 in Rüsselsheim geboren, seine Frau Sophie (geboren am 9. September 1883) kam aus Bühl in Baden. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, die alle in Bingen zur Welt kamen: Walter am 3. März 1912, Arnold am 4. August 1913, Ruth am 3. September 1917. Die Eltern flohen am 1. Oktober 1938 in die Schweiz, Tochter Ruth war am 9. Januar desselben Jahres nach Italien emigriert; später lebte sie als Ruth Ehrmann in Los Angeles, wo sie im Frühjahr 2004 starb. Am „Wiedersehen  mit Bingen" von 1999 konnte sie nicht teilnehmen, da sie nicht mehr reisefähig und zudem erblindet war.

Walter und Arnold Schott verließen Bingen schon 1933 und gingen nach Berlin, von wo aus sie später nach Nordamerika auswanderten. Arnold Schott, der mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen in Briefkontakt stand, hatte sich auf das „Wiedersehen mit Bingen" sehr gefreut. Im Oktober 1998 schrieb er: „Ihre großartige Idee, mir eine Einladung (für) eine Woche als Gast in meiner geliebten Heimatstadt im Frühjahr 1999 zu senden, ist die schönste Nachricht, welche ich jemals erhalten habe." Leider musste Arnold Schott kurzfristig absagen, da seine Frau schwer erkrankte und bald darauf starb. Arnold Schott lebte in Santa Monica in Kalifornien und starb kurz nach der Jahrtausendwende.
Über Walter Schott ist nichts bekannt Das Bekleidungshaus Otto Heine, das sich nach dem Krieg auf hochwertige Herrenausstattung spezialisiert hatte, existierte bis in die 70er Jahre. Wie aber kam der Binger Kleiderbügel nach Nikosia? Als Björn Luley 1995 ein Seminar in Bad Honnef besuchte, vergaß er bei der Abreise eine Hose im Schrank, die man ihm freundlicherweise nach München, wo er damals wohnte, nachschickte auf dem Bügel von Heine & Schott Bingen am Rhein. Der Historiker schreibt, er habe den Kleiderbügel all die Jahre in Ehren gehalten, weil er eine Geschichte hinter ihm vermutete.
 
Er nahm ihn mit nach Damaskus und Kyoto und schließlich nach Zypern. Vor ein paar Tagen kehrte der weit gereiste Kleiderbügel nach Bingen zurück, da Björn Luley ihn dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen als „Zeitdokument, wenn auch von etwas gar nicht Schönem, mit dem wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen, damit so etwas nie wieder passiert" überlassen hat. Er wird neben einem unversehrten Exemplar der Firma in der Vitrine des Arbeitskreises in der Rochusstraße 10 seinen Platz finden.