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Mit konkreten Wünschen in Bingen

Im Oktober 2013 auf den Spuren der Vorfahren

Text: Beate Goetz

Schon zweimal hatte Roberto Wiener aus Chile mit seinen Eltern in den 80er Jahren Bingen, die Stadt seiner Vorfahren besucht. Sein Vater, Otto Wiener, war 1939 als knapp Zwanzigjähriger mit seinen Eltern Robert und Cilly Wiener geborene Weil vor den Nazis nach Chile geflohen. Dieser kannte sich in Bingen noch sehr gut aus, was dem Sohn bei den Besuchen zugute kam. Robertos Urgroßvater Philipp Wiener, der aus Löwenberg in Schlesien stammte, hatte in der Kapuzinerstraße 22 ein Schuhgeschäft geführt, von dem die kinderreiche Familie gut leben konnte. 2009 nahm der Urenkel Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen auf.
Von einer Geschäftsreise aus China kommend, legte Roberto Wiener bei seinem jetzigen Besuch einen Zwischenstopp in Mannheim ein, wo er dortigen Spuren seiner großen Familie nachging; für Bingen hatte er sich drei Tage reserviert, wofür er ganz konkrete Wünsche äußerte.

Auf dem Klassenfoto ist Otto Wiener, Vater von Roberto Wiener, der zweite Junge links. Foto: Arbeitskreis Jüdisches Bingen

Anhand eines Klassenfotos seines Vaters fanden wir schnell heraus, dass es auf dem Gelände des heutigen Stefan George-Gymnasiums aufgenommen sein musste. Groß war die Freude, als wir tatsächlich im Innenhof die Mauer fanden, vor der sich die Schüler mit ihrem Lehrer Ende der Zwanziger Jahre positioniert hatten. Schön wäre es, wenn jemand den Namen des Klassenlehrers oder einzelner Mitschüler weitergeben könnte.

Roberto Wiener besuchte auf dem Jüdischen Friedhof die Gräber seiner Vorfahren und sprach das Kaddisch, das jüdische Totengebet. Foto: Arbeitskreis Jüdisches Bingen

Das Hauptaugenmerk Roberto Wieners lag bei diesem Besuch jedoch auf dem Jüdischen Friedhof, da man in den 80er Jahren nicht alle Familiengräber gefunden hatte.
Dank der heute zur Verfügung stehenden Dokumentation des Friedhofs durch das Steinheim-Institut konnten wir alle Gräber entdecken, auch wenn die Suche im alten Teil durch die Hanglage und überwucherte Markierungen sehr mühsam war. Dort liegt auch das Grab von Martha Wiener geborene Ebertsheim, der jung verstorbenen Schwester des Binger Ehrenbürgers Dr. Isak Ebertsheim, die mit Joseph Wiener, dem Bruder des Firmengründers Philipp Wiener verheiratet war.

Mitgebracht hatte der Besucher die Totenbücher der Familie, aus denen er an jedem Grab das Kaddisch, das jüdische Totengebet, verlas. Er erklärte, dass nur ein männlicher Jude, dessen Vater schon verstorben ist, das Kaddisch sprechen dürfe, nach ihm seine beiden Söhne; den Kindern seiner Schwester Lea werde diese Ehre nie zuteil werden.
Müde, aber zufrieden, packte Roberto Wiener nach dreieinhalb Stunden Kamera und Familiendokumente in seinen Rucksack und genoss sichtlich den Abstieg in die Stadt, die für drei Generationen seiner Familie Heimat gewesen war.
Jeder Besuch von jüdischen Nachkommen verläuft anders. Ein Gespür dafür zu entwickeln, was der Einzelne von dem Ort seiner Vorfahren in seine eigene Heimat mitnehmen will, braucht viel Einfühlungsvermögen.

siehe auch Familie Wiener