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Traustein und Eisentür

Überreste in Jerusalem
Traustein und Eisentür

Der Traustein und die geschmiedete Eisentür der ehemaligen Binger Synagoge

Binger Traustein im Israel-Museum in Jerusalem. Foto: Rafi Siano, Haifa

Der Traustein
Der Binger Synagogen-Traustein (auch Hochzeitsstein oder Chuppastein genannt) dürfte um 1700 entstanden sein, nachdem die alte Synagoge in der Rheinstraße bei der Brandschatzung von Bingen durch die abziehenden Franzosen 1689 ebenfalls zerstört wurde. Sie wurde anschließend wieder an gleicher Stelle aufgebaut und 1700 eingeweiht. Der Steinmetz, der den aus einem rotem Sandsteinblock kunstvoll herausgemeißelten Traustein erstellt hat, ist nicht bekannt.
Dieser Traustein mit den Abmessungen 51 x 76 cm war ursprünglich an der südlichen Außenwand neben dem Eingang der ehemaligen Synagoge in der Rheinstraße eingelassen. Der Binger Rabbiner Dr. Grünfeld 4) beschreibt in seiner Festschrift von 1905 die Stelle recht genau, wo sich der Traustein befand; danach war es eine in der Wand neben der Eingangstür auf der Südseite des Synagoge eingelassene Rosette aus rotem Sandstein. Davor befand sich bis 1832 der Synagogenvorhof, wo die Hochzeiten unter freiem Himmel stattfanden und man in Richtung Norden auf den Traustein schaute. Bis dahin erfolgte der Zugang zur Synagoge von der Judengasse aus (heute Rathausstraße). Über ein der jüdischen Gemeinde gehöriges Haus, welches später dann dem Juden Ludwig Löb, dem Schwiegersohn des Rabbiners Brandeis, dann dem Juden Adolf Eis gehörte, erfolgte der Zugang zum Synagogenvorhof, für den die jüdische Gemeinde erhebliche Pachtgebühren bezahlen musste und was zu laufenden Streitigkeiten mit der Nachbarschaft führte. Erst mit den Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten im Jahre 1838 und der Verlegung des Einganges zur Synagoge auf die Nordseite (Rheinstraße) konnte dieser Missstand beseitigt werden.
Auf dem Traustein  sind deutlich der achtstrahlige Stern, die zwei Füllhörner und eine Reihe hebräischer Schriftzeichen zu erkennen. Auf den Sektoren stehen  zwischen den acht Strahlen des Rosettensterns in hebräisch die Anfangsbuchstaben jenes, in den Segenssprüchen für die Trauung zitierte, Prophetensatzes: "Stimme des Jubels, Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams, Stimme der Braut" (Jerem. 7, 34; 25,10; 33,11). Rechts und links des Sterns schließt sich je ein Füllhorn (Symbole des Glücks und des Segens) an; darauf stehen die Anfangsbuchstaben des Psalms 118, 20: "Dieses Tor ist des Ewigen, Gerechte gehen da ein.“
Solche Steinrosetten finden sich fast in allen Vorhöfen kleinerer jüdischer Gotteshäuser in Rheinhessen. 4) Dort fand die Trauung statt. Der Rabbiner sprach den Segen über ein Glas Wein, aus dem beide Brautleute dann tran-ken. Danach war es allgemeiner Brauch, dass der Bräutigam mit dem rechten Fuß das Glas zertrat, um auch im Augenblick der Freude an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem zu erinnern. Alle Teilnehmer der Trauung riefen dann „Mazel Tov“ (viel Glück, wörtlich „guter Stern“). Es war aber auch Sitte, dass der Bräutigam, nachdem die Braut und er aus dem Glas getrunken hatten, sich gen Norden wandte und dann das Glas gegen die Nordwand warf, von der man befürchtete, dass dort das Böse lauere. So wollte man die drohende Gefahr abwenden. 5) Oft wurden bei solchen Trauungen auch Spaßmacher hinzugezogen, was wohl auch bei den Binger Juden Sitte war. Denn im Rahmen der Synagogenerweiterung um 1838 wurde auch das gesamte Synagogenwesen, darunter auch die Trauungsordnung, unter dem Vorsteher Sigismund Friedberg reformiert. Rabbiner Dr. Grünfeld berichtet dazu:“ Zu Hochzeitsfesten bestellte man sich damals noch „Spaßmacher“. Die Trauungen sollten nicht mehr im Synagogenhof stattfinden, indem dazu die Gemeindemitglieder eingeladen werden. Das „Mahngehn“ wurde gleichfalls abgeschafft, die Trauungen mußten in der Synagoge stattfinden und dem Rabbiner wurde verboten, in Privathäusern zu trauen. Musik, Fackeln und Fähnlein beim Brautzuge wurden untersagt. Der Rabbiner soll eine deutsche Ansprache halten. Das Zerbrechen einer mit Wein gefüllten Schale wird als unstatthaft bezeichnet.“ Diese Reformen im Kultus setzte der Vorstehr Friedberg gegen erheblichen Widerstand der Gemeinde und des Rabbiners Dr. Sobernheim durch. 4)

Synagogen-Eingangstür
Der auf der Südseite der alten Synagoge bis 1832 befindliche Eingang be-stand aus einer geschmiedeten Eisentür aus zwei Flügeln mit einer Höhe von 235 cm. Beide Türflügel enthalten, von einem 5 cm breiten schmiedeeisernen Rahmen eingefasst, je eine hebräische Inschriftentafel mit aufgeschmiedeten Buchstaben. Die Inschrift lautet fortlaufend: „Eingangstür der neuen Synagoge, gestiftet durch den Gemeindevorsteher Chajim den Sohn von Aron Friedburg; vollendet am 28. Tage im Monat Siwon im Jahre 1789. Groß wird die Ehre dieses Gotteshauses sein.“
Darunter je eine aufgesetzte Eisenplatte, deren oberer Rand mit einer schmiedeeisernen Zierleiste aus aneinander gereihten Ringen abschließt. Die beiden Zierleisten werden durch ein von oben nach unten verlaufendes pilasterartiges Mittelstück geteilt, das sich auf dem linken Türflügel befindet und den Türspalt überdeckt. 6)
Diese Eingangstür wurde 1789 nach einem Dachstuhlbrand der Synagoge, bei dem die Synagoge wohl auch erweitert wurde 4), durch den damaligen Vorsteher und Steuereinnehmer der Gemeinde Chajim Friedburg (auch Aaron Heium Salomon Friedberg genannt) gestiftet, der Großvater des obigen Sigismund Friedburg.

Alle Bilder aus dem Bestand des Arbeitskreises Jüdisches Bingen
1) M. Bernstein arbeitete für die Zeitschrift „Allgemeine Jüdische Illustrierte“,
    Düsseldorf 1950-1953
2) Bildbericht von M. Bernstein „Synagogen in Bingen“ in der Allgemeinen Jüdischen Illustrierte 1951
3) Unterlagen des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, Beate Goetz
4) Festschrift „Zur Geschichte der Juden in Bingen am Rhein“ von Dr. Richard     Grünfeld, 1905
5) Monumenta Judaica, Handbuch, Seite 119, Köln 1963
6) Monumenta Judaica, Katalog, Seite E-258, Köln 1963