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Synagoge Rochusstraße

Neue Synagoge 1905
Zerstörte Synagoge 1938

Die Synagogen in der Rochusstraße - mit eingehender Darstellung der Synagogen in Bingen

Das Bauwerk und seine Geschichte

Vortrag anlässlich der Präsentation des Synagogenmodells in der Volkshochschule Bingen am 28. Januar 2007; von Dr. Josef Götten

hier: Die zerstörte Synagoge 1938

Doch nachdem die Nationalsozialisten seit 1933 in Deutschland mit ihrer antisemitischen Propaganda und Unterdrückungspolitik das Sagen hatten, war der Boden für das bereitet, was sich in den Tagen des 9. und 10. November 1938 und in der dazwischenliegenden Nacht, die als Reichspogromnacht in die Geschichte eingegangen ist, allenthalben in Deutschland ereignete:
Überall brannten die Synagogen, angezündet von braunen Brandstiftern, die sie verwüsteten und schändeten.
Auch in Bingen war am 9. November ein Trupp zerstörungswütiger SA-Männer und Nazianhänger in das jüdische Bethaus eingedrungen, hatte die Bänke mit Benzin übergossen und angezündet. Nach ihrem Verschwinden gelang es dem Synagogen-Diener jedoch, die Flammen zu ersticken.
Doch am Nachmittag des folgenden Tages kamen die Nazis wieder, demolierten die Synagogeneinrichtung, zerstörten die Orgel, übergossen die Trümmer mit Teer und legten gegen 17 Uhr nochmals Feuer an.
Entsetzt und ohnmächtig sahen die Menschen zu, wie die Gesetzestafeln und die sie flankierenden Löwen über den Eingangsportalen zerschlagen wurden und bald die Flammen aus dem Dach schlugen. (Einige Augenzeugen sind hier im Saal zugegen).

„In jener sogenannten ‚Reichskristallnacht' verbrannten“, wie Salomon Korn es treffend formuliert, „mit den Synagogen-Tempeln das innige Bekenntnis und die unerwiderte Liebe der deutschen Juden – der jüdischen Deutschen – zu ihrem Vaterland. .. Damit endete für jedermann sichtbar die fruchtbarste Epoche deutsch-jüdischer Geschichte: 150 Jahre mühsam erkämpfte bürgerlich-rechtliche Gleichstellung verflüchtigte sich im Rauch jener Schreckensnacht.“ Synagogen, 18)

Bis auf die Außenmauern war die Synagoge, die 33 Jahre lang eine Zierde der Rochusstraße gewesen war, damals abgebrannt.

Und 32 Jahre lang – bis 1970 - stand sie dann dort als Ruine, durch Fliegerbomben 1944 noch weiter zerstört. Für manche war dieser Zustand ein Ärgernis und ein Stein des Anstoßes.

Die noch mit erkennbaren jüdischen Symbolen und hebräischen Inschriften versehenen Fassadenmauern waren sehr bald dem Landrat im nahen Kreisamt (heutiges Ämterhaus) ein Dorn im national- sozialistischen Auge.
Schon am 17. Dezember 1938 stellte das Kreisamt fest, dass „der jetzige Zustand des Gebäudes auf die Dauer nicht geduldet werden kann“. Notfalls müsse „von der Eigentümerin (der jüdischen Gemeinde) die Niederlegung des Gebäudes verlangt werden“.

Auch der Binger Bürgermeister Nachtigall plädierte für Abriss.
Da meldete der Binger Winzerverein Interesse an der Übernahme des Grundstücks an. Ihm ging es vor allem um den der Feuersbrunst entgangenen Gemeindetrakt. Schrieb er doch am 6. Februar 1939 in seinem Gesuch an den Bürgermeister:
„Dieses in sich selbständige Gebäude ist sehr gediegen gebaut, noch gut erhalten und würde sich leicht für unsere Zwecke umgestalten lassen.“
Schon am 3. März teilte die Israelitische Religionsgemeinde Bingen dem Bürgermeister mit: „Der Winzerverein hat das Grundstück mit der Verpflichtung, den Abbruch an unserer Stelle vorzunehmen, gekauft.“

Von dem Kaufpreis in Höhe von 12.000 RM stellte der Winzerverein 10.000 RM der jüdischen Gemeinde als Abrisskosten in Rechnung und erwarb somit für 2.000 RM den noch heute erhaltenen Gebäudetrakt samt dem ganzen Areal mit der ausgebrannten Synagoge.

Da der Winzerverein jedoch keine Anstalten zur Niederlegung der Mauern erkennen ließ, drängten Landrat und Bürgermeister zu wiederholten Malen „mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr“ auf Abriss oder auf so vollständige Umgestaltung der Fassade, „dass das Gesicht einer Synagoge verschwindet“. (So am 21. Sept. 39)
Acht Tage später begründete der Winzerverein seine Untätigkeit mit der Schwierigkeit der Materialbeschaffung „infolge der Kriegsereignisse“ und hielt es für angebracht, „die weitere Verwendung des Synagogengrundstücks einstweilen zurückzustellen“.(29.9.39)
Doch der Landrat ließ nicht locker und verlangte am 8. Januar 1940 in sehr entschiedenem Ton vom Bürgermeister, „polizeilich darauf hinzuwirken“, dass die Ruine sofort nach der Frostperiode umgebaut oder abgetragen werde. Auf jeden Fall müssten die „Kultusabzeichen“ beseitigt werden.
Doch weder ein Binger Bauunternehmen (3.6.40) noch die Gemeinde Welgesheim (17.12.40), die beide „gegen Überlassung des anfallenden Abbruchmaterials“ die Ruinen beseitigen wollten, rührten je einen Stein an.
Im Juli 1942, mitten im Krieg, als auch in Bingen schon die ersten Juden deportiert worden waren, hätte der Winzerverein das Ruinen-grundstück gern der Stadt verkauft, doch diese wollte sich die Abrisskosten nicht „aufhalsen“.

So änderte sich nichts an dem Erscheinungsbild, und die durch Bomben weiter zerstörten Ruinen, wobei die Fassadenfront erstaunlich gut erhalten geblieben war, standen über das Kriegsende hinaus im ausgebrannten Zustand der Katastrophe von1938.
Doch was geschah mit ihnen nach dem Krieg, nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus, der der Synagoge und ihrer Gemeinde zum Schicksal geworden war?
Durch die Restitutionsverfahren Anfang der 50-er Jahre wurden die widerrechtlich enteigneten jüdischen Vermögen den Eigentümern oder ihren Erben zurückgegeben. So kam das Binger Synagogengrundstück in den Besitz der Jüdischen Gemeinde Mainz, der Rechtsnachfolgerin der nicht mehr existierenden Israelitischen Religionsgemeinde Bingen.
Die Ruine verkam immer mehr, während in dem vom Winzerverein 1939 erworbenen intakten Gebäude der Winzerhausbetrieb florierte.Das gefiel jedoch nicht allen, vor allem Besucher der Stadt nahmen daran Anstoß, was aus Beschwerdebriefen oder aus folgender Leserzuschrift aus Münster vom 12. Oktober 1958 in der „Allgemeinen Sonntagszeitung“ ersichtlich ist:
„Wer auf seiner Ferienreise in dem weinfröhlichen Städtchen Bingen aussteigt, kann dort eine ausgebrannte Synagoge erblicken, nicht etwa von Bomben zerstört, sondern in jener berüchtigten Nacht von der SA angezündet. Das gibt es auch anderswo. .. Was es aber wohl kaum zum zweiten Mal gibt, ist dies: in einem noch brauchbaren Teil des Hauses hat man seit Jahren ein Weinlokal mit Musik und Tanz eingerichtet, und das Schild ‚Winzerverein' prangt neben der großen, noch lesbaren Inschrift in der heiligen Sprache der Bibel, dem Hebräischen. ... Ich habe mit Einheimischen gesprochen, die ebenso empört waren wie ich. Was die vielen fremden Touristen, vor allem Amerikaner, denken, weiß ich nicht.“ (M.G., Münster) Es gab noch einige andere entrüstete Hinweise von Bingenbesuchern in jenen Jahren auf noch deutlich lesbare Aufschriften aus der Nazizeit wie „Juda verrecke“ und „Ausgespielt ihr Juden“ oder neuere Hakenkreuz-Schmierereien auf dem Bretterverschlag. In einem solchen Fall wies Bürgermeister Gebauer darauf hin, dass die Synagoge Eigentum der Jüdischen Gemeinde Mainz sei, und die Stadt Bingen kein Recht habe, „auf diesem Privatbesitz irgendwelche Veränderungen zu treffen“. Die Mainzer Gemeinde müsste „die Wiederherstellung durchführen oder aber das Gesamtbild verschönern“. (1.8.58)
Man könnte meinen, diese Worte wären der Jüdischen Gemeinde in Mainz zu Ohren gekommen. Denn fast zeitgleich hatte sie der Stadt Bingen die Synagoge zum Kauf angeboten (31.7.58), woran diese jedoch auch diesmal nicht interessiert war.
Doch 3 Jahre später war die Stadt so weit, und der Stadtrat beschloss am 8. Juni 1961 - auf Antrag der SPD-Fraktion - einstimmig, „von der Jüdischen Gemeinde Mainz das Grundstück der Gemarkung Bingen Flur 1, Nr. 311/3, 746 Quadratmeter, ehemalige jüdische Synagoge, zum Preis von 2000 DM zu erwerben“. (Ratsprotokoll 8.6.61)
Was hat nun die Stadt Bingen damit gemacht?
Anscheinend 9 Jahre lang nichts, bis zum Jahr 1970.

In jenem Jahr aber ergriff sie radikale Maßnahmen: Bagger rückten an und legten das ruinöse Mauerwerk und die bis dahin traurig-majestätisch der totalen Zerstörung getrotzt habende Fassade nieder.
Nun war das erreicht, was die nationalsozialistischen Beamten seit 1938 immer wieder gefordert hatten: „Abriss der Synagoge“ und: „Das Gesicht einer Synagoge“ muss verschwinden!
Heute füllt die Lücke eine schmuck- und geschmacklose Wohnhausfront aus.

Seit Jahrzehnten zeigt an der Nordwand des ehemaligen jüdischen Gemeindetraktes die geharnischte Gestalt des hl. Florian, der mit einem Wasserguss aus einem Kübel eine brennende Stadt löscht, wer hier zu Hause ist. Ironie der Geschichte: Die Städtische Feuerwehr!
Es ist zwar nicht mehr dieselbe Feuerwehr, die beim Brand der Synagoge 1938 untätig zugeschaut und - gewiss „auf Befehl von oben“ - keinen Tropfen Wasser zu ihrer Rettung verspritzt hatte.

Dennoch irritiert die jetzige Situation und die Florian-Darstellung an der Synagogenmauer nicht nur jüdische Besucher, die bisweilen ihre ehemalige Geburts- und Heimatstadt aufsuchen.

Wie sinnvoll wäre hier ein Archiv oder gar ein Museum für die Geschichte der Juden in Bingen untergebracht! Dort könnte dann auch das Modell der Synagoge – an authentischem Ort – seinen endgültigen Platz finden.

Ich meine: Man darf darüber nachdenken!*)

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*) Seit 8. November 2010 befindet sich im rechten Teil des noch erhaltenen Gebäudeteils der ehemaligen Synagoge im ersten Stock ein Erinnerungs- und Gedenkzentrum