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Das "Judenhospital" in Bingen

Lange Zeit, noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts, sprach man in Bingen darüber, dass es hier ein Judenhospital gegeben haben soll. Mit diesem Sachverhalt befasst sich nachfolgende Ausführung auf der Basis der unten genannten Informationsquellen:

von Dr. H.J. von Eyß

Im schraffierten Bereich - Amtstraße 3 - dürfte sich das "Judenhospital" befunden haben.

Die jüdische Gemeinde in Bingen umfasste schon im 18. Jahrhundert mehrere „Vereine“, die sich um die verschiedensten Belange der jüdischen Gemeinde kümmerten.
Eine besondere Rolle spielte schon sehr früh die Bruderschaft, auch kurz Kippe (Kuppo) genannt, die Kranke pflegte und unterstützte, den Sterbenden in den letzten Stunden beistand, die Toten bekleidete und beerdigte.
Ein weiterer Verein, der Männerkrankenverein, hatte sich die Aufgabe gestellt, den männlichen Mitgliedern der ärmeren Familien in Krankheitsfällen unentgeltliche ärztliche Behandlung und Medizin zu gewähren, aber auch Geldunterstützungen zukommen zu lassen; dieser Verein führte noch 1905 diese äußerst segensreiche Tätigkeit in der jüdischen Gemeinde aus.
In einem gewissen, inneren Zusammenhang mit diesen beiden Vereinen stand das Institut des „Hekdisch". Unter Hekdisch versteht man ein Versorgungshaus für arme kranke und alte Juden . Im Judentum war Hekdisch auch der gebräuchliche Name für Armen- und Kränkenhäuser.
Dieses „Hekdisch“ befand sich in der ehemaligen Mönchgasse, die spätere Amtgasse und heutige Amtstraße, und hatte – so wird sie vom Rabbiner Dr. Grünfeld beschrieben - den Charakter einer Herberge, einer Zufluchtsstätte für Durchreisende, jüdische Handwerker und Bettler. Auf dem Areal befand sich außer der Herberge noch ein Badhaus (eher eine Badstube). Der Fächeninhalt des Areals betrug nach einem Grundbuchsauszug vom 17. Januar 1843 nur 18 Quadratklafter (Anmerkung: ca. 30 m²). In dieser kleinen, nur aus einer Stube bestehenden, Herberge wurden - vorkommenden Falles - erkrankte Durchreisende und auch Gefangene verpflegt und behandelt. Diese Herberge hieß deshalb schon bald im Volksmund „Judenhospital "; sie befand sich nach den Angaben des Rabbiners Dr. Grünfeld in der heutigen Amtstraße 3, siehe Skizze.
In den damaligen Gemeinderechnungen wird sie seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts ebenfalls so genannt. Doch nicht die Juden, sondern die Nichtjuden haben dieser Herberge den Namen „Judenhospital" gegeben.
Aus den Büchern der jüdischen Gemeinde war unzweideutig zu ersehen, dass in diesem „Judenhospital" niemals kranke Gemeindemitglieder, und wären sie noch so arm gewesen, verpflegt wurden, obwohl diese Einrichtung in den damaligen Unterlagen der jüdischen Gemeinde mit „Hospital“ oder „Judenhospital“ aufgeführt wurden. So heißt es z. B. im Voranschlag von 1831 der Gemeinde für das Jahr 1832 „Unterhaltung des Hospitals für fremde Kranke und Gefangene : 40 fl." (Gulden). In Belegen zu einer Rechnung vom Jahre 1832 der israelitischen Religionsgemeinde zu Bingen werden die Ausgaben des „Hospitals“ für das Jahr 1832 zusammengestellt. Zu dieser Zeit war  der Hospitalverwalter Joseph Ph. Meyer. Die Ausgaben betreffen: Beköstigung armer Frauen, Handwerksburschen und von etwa 10 Gefangenen, die Reparatur von Karst und Pickel, Fuhrlöhne für den Leichenwagen, das Grabschaufeln, Fahrgeld und Zehrpfennig für Durchreisende, Laub für die Synagoge, Beleuchtung der Synagoge, Kidduschwein, Glaserarbeiten, Wachssammeln, Putzen des Chanuckahleuchters, Reinigung des Synagogenvorhofs, Chanuckahlichter und Rezepte für durchreisende Kranke. Nicht eine einzige Ausgabe wurde für einen hiesigen Kranken ausgewiesen.
Es gab zwar vom jüdischen Arzt Dr. Hirsch Bestrebungen die Funktion des „Judenhospitals“ zu erweitern. In seiner Eingabe an den jüdischen Gemeindevorstand wünschte er, dass fortan neben Handwerksburschen und Durchreisenden, auch Mägde und die Bachrim (richtiger Bachurim: bettelarme, von auswärts kommende Talmudjünger) im Hospital auf Gemeindekosten verpflegt werden sollen. Der Vorstand lehnte dies ab.  In seinem Schreiben von 1832 an den Arzt Dr. Hirsch heißt es: „Er könne sich nicht darauf einlassen, indem das Hospital in einem Zustande sei, daß ein Kranker (gemeint ist: ein Ortskranker) nicht gut darin beherbergt werden könne." Zudem verfolgte der Vorstand das Ziel das „Judenhospital“ aufzulösen und zu verkaufen und aus dem Erlös die stark renovierungsbedürftige Synagoge mit zu finanzieren.
Auch die auf zwei lose Blätter aus einem ehemaligen Kontobuch für das Judenhospital des damaligen jüdischen Gemeindearchivs verzeichneten Einnahmen und Ausgaben für das Jahr 1834 ergeben, dass die unter den Ausgaben stehenden Posten für ein Stück Pergament (zur Erweiterung des Memorbuches), für Osterbrode, für Grabgeschirr, für Laub zur Ausschmückung der Synagoge, für Kiddusch (Segen), Wein, für das Putzen der ewigen Lampe, mit den Zwecken eines Hospitals nicht das geringste zu tun haben. Offenbar wurden die für das sogenannte „Spital" gespendeten Beträge größtenteils für rituelle Zwecke, für Friedhof und Synagoge, verwendet. Die Einnahmen betrugen im Jahr 1834 113 fl. 45 (40 fl. Gemeindezuschuß und 73 fl. 45 kr. freiwillige Beiträge), davon wurden 32 fl. nicht verausgabt.
Im Jahr 1835 wurde der Vorstand der jüdischen Gemeinde neu gebildet und gleich bei seinem Amtsantritt, wurde dieses sogenannte „Hekdisch", das „Judenhospital“, aufgehoben, und nicht lange nachher ließ er die ganze Baracke abreißen. Sigismund Friedbörig, der 1831 zum ersten Vorsteher der jüdischen Gemeinde gewählt wurde, begründet diesen Vollzug schon 1831 folgendermaßen: „Der Vorstand, seinen Plan verfolgend, alles aufzubieten, dem Bettelwesen gegen zu steuern und dem Müssiggange Hindernisse in den Weg zu legen, hält das Bestehen des Judenhospitals für nicht notwendig etc."
Die jüdische Herberge wurde auf Abbruch, gemäß einem Protokoll vom 22. Juli 1838,  verkauft an die Juden  Anselm Kohn, Josef Goldschmidt und Juda Friedberg, und zwar für 75 fl.; an deren und des alten Badehauses Stelle wurde im Jahre 1839 die aus einem,  nicht allzu großen Zimmer bestehende, Religionsschule (Amtgasse 3) errichtet. Das Mobiliar des „Hospitals“ wurde für 19 fl. 47 versteigert. Dazu gab der Vorstand im Intelligenzblatt vom 3. Juli 1838 folgende Anzeige auf: „Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Bingen läßt in dem Hofe des hiesigen Judenhospitals stehende alte Hinter-Gebäude nebst zwei daran stoßende Holzbehälter zum Abbruch versteigern, einzusehen bei dem Synagogen-Diener Leopold Lorch.“
In einem Schreiben des jüdischen Gemeindevorstandes vom 13. November 1846, wohl als Rechtfertigung für den Abriß des „Judenhospitals“, heißt es  wörtlich: „Unsere Gemeinde hatte nie ein Hospital, in welchem hiesige Kranke - die dienende Klasse nicht ausgenommen - verpflegt wurden. Es war vielmehr eine Herberge und ein Aufenthaltsort für herumziehende Bettler und wanderndes Gesindel, die dort ihr Zusammengebetteltes verpraßten und verspielten, und da, wenn Jemand von ihnen erkrankte, er auch hier verpflegt wurde, hieß es „Judenhospital."
Zweifellos war diese Einrichtung eine dringende Notwendigkeit jener Zeit, in der die jüd. Bettler in den Herbergen kein Unterkommen fanden, ggf. ein Vorläufer der heutigen Hospiz, denn aus den Sterbeakten von im "Judenhospital" (Hekdesch) verstorbenen Personen (Sterbeakte Bingen S 54 / X/1801-2) ist zu entnehmen, dass Mordechai Mengiburg, mit bürgerlichem Namen Marx Wolf, (wohl ehrenamtlich) dort als Pfleger tätig war.  Er erhielt einen ausführlichen Eintrag ins Memorbuch, in dem unter anderem darauf hingewiesen wird, daß er jedes Werk mit Weisheit, Wissen und Begabung vollführte. Marx Wolf starb im Alter von nur 33 Jahren in der Judengasse 409.
Der jüdischen Gemeinde war es immer ein Anliegen, den Beürftigen zu helfen. Im Intelligenz-Blatt für den Kreis Bingen vom Sonntag, den 25 März 1838 erfolgte folgende Bekannmachung:
„Von dem Verein der in hiesiger Stadt ins Leben getretenen israelitischen Harmonie sind mir zur Vertheilung an dahiesige dürftige Einwohner 15 fl. Z7 kr. wie auch zur nämlichen Bestimmung von Herrn Salomon Nathan dahier 5 fl. übergeben worden.
Nachdem  ich im Namen der Empfänger für diese wohlthätige Spenden den verbündlichsten Dank zolle, gebe ich die Versicherung, daß dieselbe dem Zweck entsprechend abgegeben wurden.“
Bingen, den 23. März 1838.
Der Hospizien-Präsident Weiß

Nachdem wohl Ende des 19. Jahrhunderts die Religionsschule in dem ehemaligen Gebäude des „Judenhospitals“ aufgelöst wurde, lebte dort noch der Kantor der jüdischen Gemeinde Abraham Nussbaum. Anfang des 20. Jahrhunderts betrieb dort der Jude Benjamin Roßmann eine gutgehende Metzgerei.

-    Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Bingen am
      21. September 1905; herausgegeben von Dr. Richard Grünfeld,
      Großherzogl. Rabbiner,
-    Webseite der Alemania Judaica
-    Intelligenz-Blatt Bingen 1838