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Nomi Samter

Erinnerungen der Nomi Samter geborene Anneliese Marx (* 1919) aus Bingerbrück.  Transkription von Tonbandaufnahmen, erstellt von Rafi Siano aus Haifa. Sein Großvater Leo Marx war ein Bruder von Nomi Samters Vater Robert, Schmarjahu Marx’ Vater Moritz, von Isidor und Eugenie Marx.

5. Hans Samter

Wohin gingen wir? Wo es Arbeit gab. Hans blieb noch einige Zeit in En Charod, er führte seinen Nachfolger in den Beruf des Lastwagenfahrers ein. Die Eltern meiner Freundin Tami in Ra’anana verhalfen mir zu einer Stelle als  Kindermädchen.

Hans brachte die Milch von En Charod bis nach Tel Aviv und Jerusalem (ca. 150 km). Damals gab es noch keine gekühlten Tankwagen, die Milch wurde  in Kannen abgefüllt, und Hans musste diese auf- und abladen. Du erinnerst Dich sicher an seine Muskeln, die kamen nicht zuletzt von dieser Arbeit. Manchmal fuhr er von Jerusalem nach Bat Jam südlich von Tel Aviv, um seine Eltern zu besuchen und blieb dort über Nacht. In den Jahren 1936 – 39 waren arabische Unruhen, die sich vor allem auf den Landstraßen entluden. Eines Nachts wurde er in Jaffo aufgehalten, und Araber inszenierten einen Verkehrsunfall, bei welchem angeblich ein arabischer Radfahrer zu Schaden kam. Hans wurde ein Prozess gemacht und zu einem Monat Gefängnis in Abu Kabir, dem Polizeigefängnis von Jaffo, verurteilt. Zusätzlich musste er monatelang sich täglich in der Polizeistation von Jerusalem melden und dort vier Stunden lang alle möglichen Hilfsarbeiten verrichten. So zogen wir nach Jerusalem, wohnten anfänglich bei Freunden, und nachdem ich Arbeit als Hausgehilfin in der Pension Wolff gefunden hatte, mieteten wir ein Zimmer. Dann fand Hans eine Anstellung als Privatchauffeur bei der Familie Volaiski, Besitzer der Schokoladenfabrik CD in Tel Aviv. Der Besitzer hatte zwar ein Auto, konnte aber nicht fahren, und wegen den Unruhen zog er nach Jerusalem, das ihm sicherer schien.

In Berlin hatte Hans sechs Semester Medizin studiert bis die Nazis ihm als Juden das Studium verunmöglichten. Er versuchte sich (1934) in Basel zu immatrikulieren und bei seinem dortigen Aufenthalt lernte er eine Gruppe von jüdischen Italienern kennen. Diese luden ihn ein, nach Italien zu kommen, dort fand er Arbeit in einer Autoreparaturwerkstätte und verdiente bald Geld, er war ja sehr geschickt mit seinen Händen. Die Italiener  luden ihn zu ihrer geplanten Palästinareise ein, und er nahm die Einladung an. Die Gruppe bereiste das Land, und gerade als sie in En Charod waren, erreichte Hans ein Brief seines Vaters, worin dieser berichtete, er sei als Jude entlassen worden. Somit konnte Hans nicht mehr die Finanzierung seines Studiums durch seine Eltern erwarten. Da ihm sowieso sein Geld ausgegangen war, blieb er gleich in En Charod und begann zu arbeiten. Seine Begleiter fuhren nach Italien zurück, einige Kameraden gelangten später nach Palästina.

Die Eltern schickten Hans 1000 englische Pfund Sterling, um ein so genanntes Kapitalistenzertifikat zu erhalten. Hans deponierte das Geld in der Bank "Hoffnung" in Haifa, und das Geld verhalf ihm und später den Eltern ebenfalls zu einem Kapitalistenzertifikat. Die Einwanderung war ja streng geregelt. Die englischen Behörden beschränkten die Einwanderung auf einige tausend Personen pro Jahr, um die Araber nicht zu erzürnen. Zusätzlich konnte man, vorausgesetzt man hatte die Mittel, als "Kapitalist" einwandern. In diesen Tagen versuchten aber nicht einige Tausende, sondern Hunderttausende das rettende Ufer Palästinas zu erreichen.