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Nomi Samter

Erinnerungen der Nomi Samter geborene Anneliese Marx (* 1919) aus Bingerbrück.  Transkription von Tonbandaufnahmen, erstellt von Rafi Siano aus Haifa. Sein Großvater Leo Marx war ein Bruder von Nomi Samters Vater Robert, Schmarjahu Marx’ Vater Moritz, von Isidor und Eugenie Marx.

1. Bingerbrücker Jahre

 

In jenen Tagen, Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, waren Bingen und Bingerbrück noch nicht eine Gemeinde. Bingen gehörte zu Hessen und Bingerbrück war Preußen, aber außer dass die Hessen über die Preußen schimpften, war kaum ein Unterschied zu spüren. Ich besuchte vom 5. Altersjahr an die Mädchenschule "Institut der Englischen Fräulein" in Bingen, während mein  vier Jahre älterer Bruder Erich die Volksschule in Bingerbrück besuchte. Die Englischen Fräulein waren Ordensschwestern, auch meine Schwester Irmgard lernte dort vier Jahre, dann wechselten wir ans Lyzeum. Den Weg zur Schule machte ich stets mit meiner Freundin Ruthchen, eine der Mütter begleitete uns jeweils, und der Weg dauerte gute dreiviertel Stunden. Den Heimweg machten wir in Begleitung von Erich.

Das Lyzeum war eine Realschule, und man hätte mit zwei weiteren Schuljahren einen Gymnasialabschluss machen können. Aber mittlerweile schrieb man das Jahr 1933, und nach Hitlers Machtergreifung wurde uns der normale Schulbesuch verwehrt. Ich besuchte  noch zwei Jahre die Gewerkschaftsschule, welche Juden aufnahm, allerdings entsprach die Schule nicht ganz unsern Erwartungen.

Die Juden von Bingen und Bingerbrück bildeten zusammen eine Gemeinde, am Schabbat und an Festtagen gingen wir zu Fuß in die Binger Synagoge. Wir waren daheim nicht streng religiös, beachteten aber Schabbat und Festtage und sangen im Synagogenchor zusammen mit unsrem Vetter Siegfried (Schmarjahu) Marx. In der Familie Marx pflegte man  engen Kontakt, die Familien der Brüder Isidor, Leo, Robert und Moritz trafen sich oft, und wir Kinder kannten alle Vettern und Cousinen.