. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

2012 Gunnel Stres

Zurück zu den Wurzeln

-Spurensuche in Bingen-Von Beate Goetz

Einen kurzen Aufenthalt bei einer Freundin in Hessen nutzte Frau Gunnel Stres aus Schweden dazu, mit Hilfe des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, auch die Stadt ihrer Vorfahren zu besuchen. Sie ist die Tochter von Kurt Herz (* 1925), der 1939 mit seiner Schwester Ruth nach Schweden emigrierte; Günther, der Älteste, hatte Deutschland schon 1937 verlassen.

Die Eltern, Hermann und Selma Herz geborene Löwenstein, handelten in Bingerbrück mit Kohlen und Altglas. Sie hofften, nach Nordamerika auswandern zu können, um später dort wieder mit den Kindern vereint zu werden. Eine hohe Wartenummer machte jedoch diesen Plan zunichte, das Ehepaar wurde am 20. März 1942 nach Piaski in Polen deportiert und ermordet.
Berthold Goldschmidt, ein Halbbruder von Hermann Herz, der schon mit seiner Familie in Schweden lebte, nahm sich der Kinder an und ermöglichte ihnen eine Ausbildung. Günther und Kurt Herz absolvierten ein Ingenieursstudium, Ruth Schueler führte mit ihrem Mann eine Galerie und einen Buchladen.
Ganz oben auf der Wunschliste mit den Orten, die Gunnel Stres mit ihrer Freundin ansteuern wollte, stand die Schloßstraße 2, wo sie an den Stolpersteinen, die seit 2007 an Selma und Hermann Herz erinnern, ihren Großeltern nahe sein konnte.
Auf dem Gang durch die Innenstadt, vorbei an der alten Synagoge in der Rheinstraße, heute Jugendhaus, entlang der Amtstraße, wo einmal die kleine Synagoge der orthodoxen Gemeinde stand, blieben die Gäste immer wieder an Stolpersteinen stehen und lauschten aufmerksam den Geschichten, die die stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Jüdisches Bingen ihnen dazu erzählen konnte. Der Weg führte auch zur Martinstraße, wo Großeltern und Urgroßeltern in einem so genannten „Judenhaus“ vor ihrer Deportation zwangseingewiesen waren. Selbst den Aufstieg zum Jüdischen Friedhof wollten die Gäste zu Fuß bewältigen. Zum Schluss ging es zum Erinnerungs- und Begegnungszentrum in der Rochusstraße, wo man anhand des Synagogenmodells die Ausmaße der letzten Synagoge bestaunte und die Fotos der Binger Deportation auf sich wirken ließ.
Als bleibende Erinnerung an Bingen nahm Gunnel Stres Musik der Heiligen Hildegard mit, die ihr sehr wohl ein Begriff war.
In ihrem Dankesbrief schrieb die Nachkommin: „Als ich am Grab meiner Urgroßmutter stand auf dem alten, stillen Friedhof mit dem Licht, das auf die alten Steine fiel und dem wunderbaren Ausblick über den Fluss, fühlte ich, dass ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt war. Es war einer der bedeutendsten Tage in meinem Leben, und ich werde ihn in ganz besonders warmer Erinnerung behalten.“