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Über das Erinnern - Vom Umgang mit der Vergangenheit

Veranstaltung am 14. November 2008 im Kulturzentrum Bingen

Begrüßungsansprache des Vorsitzenden des Arbeitskreises Jüdisches Bingen Dr. Josef Götten

"10 Jahre Arbeitskreis Jüdisches Bingen"

Diese ausdrucksstarken Klänge Johann Sebastian Bachs, so eindringlich vorgetragen von Philipp Schweikhard, stimmen uns ein in den heutigen Abend.

Drum möchte ich zuerst Sie, Herr Schweikhard, Mitglied des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz, hier begrüßen und Ihnen sagen, dass wir uns über Ihre musikalische Begleitung durch unser Programm sehr freuen und Ihnen dafür ganz herzlich danken.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Im Namen des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, der heute sein zehnjähriges Bestehen feiert, begrüße ich nun Sie alle hier im Saal und heiße Sie herzlich zu dieser Veranstaltung willkommen.
Wir freuen uns, dass das anspruchsvolle Thema „Über das Erinnern – vom Umgang mit der Vergangenheit“ auf soviel Interesse gestoßen ist.

Gewiss war es aber auch der Name des prominenten Redners des heutigen Abends, der eine so starke Anziehungskraft ausübt. Deshalb gilt ihm, dem Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin, Herrn Dr. Peter Frey, mit Frau Gemahlin mein besonderer Willkommensgruß.

Dass Sie, Herr Dr. Frey, trotz enormer beruflicher Anspannung  heute Abend Ihre Zeit unserem Arbeitskreis und Ihrer Heimatstadt widmen,  um tiefer in das Phänomen des Verdrängens und Erinnerns hineinzuführen, freut uns sehr und wissen wir dankbar zu schätzen.

Nachweislich seit dem 12. Jahrhundert lebten ununterbrochen, was eine historische Seltenheit ist,  bis gegen Mitte des 20. Jahrhunderts, Juden in Bingen. Im Jahre 1900 wurden 713 jüdische Einwohner gezählt.
Das waren 7,4 Prozent der Stadtbevölkerung und damit verhätnismäßig wesentlich mehr als in Mainz. 43 Jahre später gab es keinen jüdischen Menschen mehr in Bingen! Die Nazis hatten hier ganze Arbeit geleistet: 1943 war Bingen judenrein! Und niemand schien die verschwundenen Mitbürger zu vermissen. Niemand und nichts – außer den hohlen Mauern der ausgebrannten Synagoge in der Rochusstraße – erinnerte an sie – jahrzehntelang, generationenlang.

Diesem nicht nur für Bingen festzustellenden Phänomen wollen Sie,
Herr Dr. Frey,  heute Abend mit uns nachsinnen. Das  lässt uns mit Spannung Ihren Ausführungen entgegenharren. Vielen Dank schon im Voraus für Ihre Worte!

Einen nicht minder herzlichen Willkommensgruß entbiete ich Frau Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen. Wir freuen uns sehr, dass Sie, verehrte Frau Oberbürgermeisterin, unserer Einladung nachkommen konnten und damit dieser Veranstaltung ein besonderes Gewicht geben. Wir danken Ihnen für die entgegenkommende Unterstützung, die Sie unserem Arbeitskreis stets zukommen lassen – gerade auch wieder jüngst bei der Einladung zu dieser Veranstaltung. Aus Bingen stammende Jüdinnen und Juden freuen sich und fühlen sich geehrt, wenn sie bei einem Besuch in Bingen auch von der Oberbürgermeisterin der Stadt empfangen werden. Das war auch schon zur Amtszeit Ihres Vorgängers Herrn Erich Naujack so, der mit großem Interesse das Schicksal dieser in der Nazizeit ausgewanderten oder geflohenen Binger verfolgte, bei Besuchen ihnen mit aufmerksamer Zuwendung zuhörte und mit der Zeit eine umfangreiche Adressen-Kartei von ihnen anlegen konnte.
Diese bildete den Grundstock für die von ihm begonnene und dann von unserem Arbeitskreis weitergeführte Korrespondenz mit den so lange vergessenen Bingern.

Es ist mir eine große Freude, Sie, verehrter Herr Naujack, der Sie inzwischen auch Mitglied in unserem Arbeitskreis sind, mit Frau Gemahlin hier begrüßen und Ihnen für diese Pionierarbeit danken zu können.

Ich begrüße die Vertreter der Kirchen, Parteien, Schulen und anderer Einrichtungen, besonders aber die Schülerinnen und Schüler mit Lehrerinnen und Lehrern, die sich der schwierigen und wichtigen Thematik des heutigen Abends auch im Unterricht stellen.

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler!

An Heiligabend vor 10 Jahren trug der Gastkommentar in der Allgemeinen Zeitung/Ausgabe Bingen die Überschrift: „Brücke der Begegnung“.   Er stammt aus der Feder des im Frühjahr dieses Jahres verstorbenen Rektors der Rochuskapelle, P. Josef Krasenbrink.

Ausgehend von dem Wort im Johannesprolog über die Menschwerdung des Gottessohnes: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf“, stellte er einleitend fest: „Die Umstände der Geburt Jesu gelten von jeher als Symbole der Verweigerung von Geborgenheit, von Gastfreundschaft, von Heimat.“ Jahrzehnte zurückblickend auf die Zeit des Nationalsozialismus, schreibt er: „Auch in den Jahren 1933 bis 1945 wurde in den christlichen Kirchen das Weihnachtsevangelium verkündet, und gleichzeitig wurde die Verweigerung von Heimat, die Vertreibung aus Haus und Beruf millionenfach an Bürgern jüdischen Glaubens praktiziert. Bürgerinnen und Bürger seit Generationen  wurden rechtlos, wurden gedemütigt, wurden deportiert und ermordet ohne sichtbaren Protest der christlichen Umwelt.“ Dann beleuchtet der Historiker die damalige Situation hier in  Bingen: „Angst und Gleichgültigkeit waren auch in Bingen von 1933 bis 1945 die Handlanger des Unrechts.
Dabei gab es in der Binger Geschichte an keinem Punkt einen ausgeprägten Antijudaismus, obwohl die jüdische Gemeinde in dem vom Mainzer Domkapitel regierten Bingen seit dem 12. Jahrhundert von beachtlicher Größe war.“
Vielleicht können noch lebende Augenzeugen jener Zeit die Behauptung P. Krasenbrinks bestätigen,  dass es „nach 1933 keinen organisierten militanten Antisemitismus in Bingen“ gab. „Aber“, fährt er fort, „man akzeptierte  die immer rigoroser werdende Isolierung der jüdischen Mitbürger“.

Der Archivforscher Krasenbrink hebt hervor, dass  „auch im ‚Katholischen Kirchenkalender’, einer Binger Zeitschrift von beachtlicher Qualität, sich keine kritischen Äußerungen finden“. Und so geschah auch in Bingen, was im ganzen Reich geschah: „Als dann die Judenverfolgung offen ausbrach, brannten auch in Bingen die Synagogen, wurden Geschäfte verwüstet, jüdische Mitbürger drangsaliert und später deportiert.“

Die abschließenden Gedanken dieses Kommentars führen zum Thema des heutigen Abends hin: „Die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte begann in Bingen mit der Erinnerung an die 50. Wieder- kehr der Machtübernahme der Nazis 1933. Seitdem ist der Strom der kritischen Erinnerung nicht mehr versiegt.“

Die hier von P. Krasenbrink erwähnte Erinnerungsinitiative ging von einem Freundeskreis um Jochen Tullius aus, zu dem auch P. Krasenbrink selbst gehörte. Mit 7 Personen hatten diese am 9. November 1983 die erste Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Synagoge durchgeführt.
Damals wurde auch die Gedenktafel an dem Restbau der Synagoge angebracht, die im Jahr zuvor -  im 40. Jahr der Erinnerung an die zwei großen Deportationen von Binger Juden im März und September 1942 - einstimmig im Stadtrat beschlossen worden war.
Dies war auf  Initiative von Jochen Tullius hin erfolgt, der in der Folgezeit wiederholt durch Zeitungsartikel die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Endphase des jüdischen Lebens in Bingen gelenkt hat und damit der Erinnerungsarbeit in Bingen einen großen Anschub gegeben hat.

Die  Gedenkveranstaltung am 9. November  wird seitdem alljährlich mit wachsender Anteilnahme an der ehemaligen Synagoge in der Rochusstraße durchgeführt. Seit 1988 wird sie vom Oekumene-Ausschuss der Binger Kirchen gestaltet; seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit unserem Arbeitskreis.
 P. Krasenbrink weist sodann auf einen weiteren Schritt im Umgang mit der Vergangenheit hin: „Über Jahre hin wurde versucht, Kontakte mit den jüdischen Bürgern Bingens in aller Welt zu knüpfen. Der neu ins Leben gerufene Arbeitskreis Jüdisches Bingen beabsichtigt, die noch lebenden jüdischen Mitbürger in ihre alte Heimat einzuladen.“ Und er meinte dazu mit kritischem Unterton: „Es ist gut, dass auch in Bingen an dieser Brücke der Begegnung
gebaut wird, die anderswo längst die Herzen der Fremdgewordenen zueinander führt.“ Soweit die beachtenswerten Gedanken P. Krasenbrinks  zu Weihnachten 1998 in der AZ.

Meine Damen und Herren!

Wir sind heute hier zusammengekommen, um zu erinnern: Zu erinnern an die furchtbaren Ereignisse vor 70 Jahren, die der Auftakt zu der von den Nationalsozialisten beabsichtigten totalen Auslöschung des Judentums im  Deutschen Reich und in allen Ländern Europas, denen sie ihre Herrschaft aufdrücken konnten. Zu erinnern aber auch an die von P. Krasenbrink schon erwähnte Gründung des Arbeitskreises Jüdisches Bingen vor 10 Jahren. 23 Binger Bürgerinnen und Bürger hatten am 29. April 1998 nach monatelangen Vorüberlegungen im Stefan-George-Museum die Gründungsurkunde zu diesem Verein unterzeichnet.

Oft werde ich gefragt, wie es zu diesem Arbeitskreis gekommen ist. Initiatorin war die damalige Bürgermeisterin Brigitte Giesbert, die ich auch als Vorstandsmitglied in unserem Arbeitskreis heute hier  sehr herzlich begrüße.

Erste Anstöße von ihr in den 70er Jahren zum Aufgreifen der Erinnerung an die Binger Judenschaft stießen anfänglich auf Vorbehalte, wie sie mir erzählte.
Eine große Leistung war dann aber in den Jahren 1992 bis 95 das von ihr geförderte und unterstützte Projekt des Landesamtes für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz: Die bildliche und ausführliche textliche Dokumentation des Jüdischen Friedhofs in Bingen. Ein Pilotprojekt!

Bei einer Ausstellung „Jüdische Friedhöfe in Rheinlandpfalz“, die sie 1997 von Mainz nach Bingen geholt hatte, legte sie eine Liste auf, in die sich Leute eintragen sollten, die sich für die Aufarbeitung der Geschichte der Juden in Bingen interessierten. Es waren erstaunlich viele. Diese wurden dann von Frau Giesbert zu einem Gespräch eingeladen, dem mehrere diskussionsreiche Treffen folgten. Aus den Überlegungen kristallisierte sich schließlich die Absicht heraus, einen Verein zu gründen, für den man  dann den Namen „Arbeitskreis Jüdisches Bingen“ fand. Seine per Satzung festgesetzten Ziele finden Sie in dem Informationsblatt, das wir ausgelegt haben.

Soviel in Kürze über die Genesis des Arbeitskreises Jüdisches Bingen in den Jahren 1997/98 und über die maßgebliche Rolle, die Frau Giesbert dabei gespielt hat. Ihr gebührt von uns allen dafür ein ganz großes „Danke!“ und „Vergelt’s Gott!“ 

Welche Bedeutung unser Arbeitskreis für die Binger Jüdinnen und Juden im Ausland und für die Erinnerungsarbeit hier in unserer Stadt hatte und hat, soll im Folgenden exemplarisch beleuchtet werden. Als dringendste Aufgabe erkannte der neue Arbeitskreis die sofort in Angriff genommene Aktion „Wiedersehen mit Bingen“, die erste offizielle Einladung der vor 70/80 Jahren dem tödlichen Zugriff der Nazis entkommenen Binger Jüdinnen und Juden, die hauptsächlich in Nord- und Südamerika und in Israel leben. Dem enormen Einsatz der Mitglieder des Arbeitskreises wurde mit Hilfe der Stadt und der Spendenbereitschaft vieler ein großer Erfolg beschert. Von den angeschriebenen Jüdinnen und Juden folgten im Sommer des nächsten Jahres 16 unserer Einladung, so dass mit Ehegatten oder anderen Angehörigen schließlich 28 Personen eine Woche lang unsere Gäste in ihrer fremdgewordenen Geburts- und Heimatstadt waren.

Frau Herta Raviv geb. Bermann aus Israel sprach wohl allen aus dem Herzen, wenn sie nach der für alle unvergesslichen und von ihnen als glücklich empfundenen Woche der Begegnung und des Wiedersehens mit der unvergesslichen Heimatstadt voll Anerkennung und Dankbarkeit dem Arbeitskreis schrieb: „Im Traum hätte ich mir nicht vorgestellt, dass man sich an uns einstige jüdische Mitbürger noch erinnert und an uns denkt, die wir ja in alle Winde zerstreut sind.“ „Mit Freude und ein wenig Angst“ waren sie gekommen, wie wir oft vernehmen konnten.

Bei jüdischen Menschen, die zum wiederholten Mal in Bingen sind,
verdrängen jedoch positive Empfindungen immer mehr die Gefühle der Unsicherheit und Angst. Frau Dr. Ruth Formanek geb. Löwenstein, die in New York lebt, war als junges Mädchen am 10. November 1938, als die Synagoge in der Rochusstraße, in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung Martinsstraße 5,  in Flammen stand, aus Bingen geflohen.  Bei ihrem vierten Besuch hier im Jahr 2001  gab sie einer   AZ-Journalistin ein Interview, in dem dieser langsame Wandel der Empfindungen zum Ausdruck kommt. Auf die Frage, ob das ihr erster Besuch in Bingen sei, antwortete sie: „Nein. 1961 war ich das erste Mal hier. Es war ein Alptraum. Ich konnte nur über Nacht bleiben, musste sofort wieder weg. Ich kannte noch alles, die Häuser und die Straßen. Aber ich traf die Menschen nicht mehr, die ich einst gekannt hatte. Sie waren vertrieben oder ermordet. ... Auch in den 70er Jahren konnte ich Bingen nur stundenweise ertragen. 1991 dann hatte ich eine Einladung vom damaligen Oberbürgermeister Naujack. Wir führten  lange Gespräche. Aber meinen Alptraum und dieses Gefühl des Fremdseins konnte ich noch immer nicht abschütteln. Jetzt ist alles anders.“ Auf die Frage, was sich denn geändert habe, sagte Frau Formanek: „Ich kenne mehr Menschen, die Interesse an uns ehemaligen jüdischen Mitbürgern haben. Ich spreche vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen. Mit ihm kommuniziere ich schon eine Weile über das Internet. Jetzt während meines Aufenthaltes in Bingen kümmert er sich rührend um mich.“ Und gefragt: „Verspüren Sie Lust, ein fünftes Mal nach Bingen zu kommen?“ antwortete sie: “Bislang war die Vergangenheit noch so lebendig, die Angst saß so tief. 2001 ist das Jahr der Wende für mich. Beim nächsten Besuch in Bingen werde ich viel gelöster sein. Aber die Empfindsamkeit, die wird immer bleiben.“

Drei Jahre später, im August 2004, war Frau Formanek ein fünftes Mal hier und brachte ihre Tochter mit Familie mit. Sie war in der Tat sehr gelöst. Als leidenschaftliche Fotografin durchstrich sie den Wildwuchs des jüdischen Friedhofs auf der Suche nach schönen Motiven, um sie in einer Galerie in  New York auszustellen. (Einen Teil davon können Sie hier im Foyer bewundern).

Und es drängte sie, auch noch ein 6. Mal zu kommen! Mit Angehörigen hatte sie 5 Gedenksteine für Vorfahren gestiftet, die bei der großen Stolpersteinaktion im vergangenen Jahr in Bingen und Bingerbrück verlegt worden sind. Bei diesem für sie so wichtigen Ereignis wollte sie mit ihrer Familie dabeisein.
 
Ähnliche Erfahrungen wie Frau Formanek hat auch die 87-jährige Ly Japha geb. Lisa Gross aus Denver/USA gemacht, die im April dieses Jahres wieder einmal für 3 Tage mit ihrer Tochter Lynn, ihrem Schwiegersohn Bill Geller und zwei Enkelinnen in Bingen weilte.  Sie konnte ihren Angehörigen ihr Elternhaus in der Gaustraße zeigen, das der angesehenen Weinhändlerfamilie Moses Gross / Söhne gehört hatte. Nach dem Besuch schilderte Bill Geller seine Eindrücke in einem Brief an Verwandte und Freunde, der auch an uns gelangt ist.
Frau Beate Goetz, die 2. Vorsitzende unseres Arbeitskreises, hat ihn aus dem Englischen übersetzt.

Lassen Sie mich, bevor wir uns dem Brief zuwenden,  an dieser Stelle Frau Goetz dafür und überhaupt für ihren enormen Einsatz beim Führen der umfangreichen Korrespondenz mit den in aller Welt lebenden Binger Jüdinnen und Juden sehr herzlich danken. Diesen Kontakt zu halten ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Darüber hinaus erreichen Frau Goetz immer wieder Anfragen übers Internet zu jüdischen Vorfahren, die sie durch eine aufwendige Recherchenarbeit zu beantworten sucht. Eine beachtliche Leistung!
Sie hat inzwischen ganze Stammbäume jüdischer Binger Familien im Kopf.
Vielen Dank, Beate!

Nun zu dem Brief von Bill Geller.
„Heimzukehren ist niemals einfach“, schreibt er, „ob als junger Mensch oder Erwachsener. Man weiß nicht, was einen erwartet – durch die Menschen, die Häuser oder die Stadt. Wir machten letzte Woche eine Erfahrung, die uns sehr berührte und uns zeigte, dass das Gute, das Ly einmal kannte, immer noch existiert und dass das Böse, das nun der Erinnerung angehört, der Zukunft nichts mehr anhaben kann. Ly wurde 1921 ... in Bingen geboren und lebte in demselben Haus bis März 1939, als es ihr gelang, aus Deutschland herauszukommen und nach England zu fliehen. ... Sie war schon in früheren Jahren zurückgekehrt: 1978, 1984 und 1999; jedes Mal machte sie bessere Erfahrungen, und dieses Mal konnte sie sogar ihre Enkelinnen in dem Haus herumführen, in dem sie aufgewachsen war, den Friedhof zeigen, auf dem ihr Vater und seine Eltern begraben sind, und ihre ehemalige Schule.“  (die jetzige Hildegardisschule).  „Bingen ist eine hübsche Stadt“, stellte er fest,  „und da dort in diesem Sommer eine Gartenschau stattfindet, war die ganze Stadt herausgeputzt. Lys Haus wurde im 2. Weltkrieg nicht zerbombt und ist noch so, wie sie es in Erinnerung hat. Als wir das Haus zu einem angemeldeten Besuch betraten, drehten wir einen kleinen Film, so dass Ly ihre Erfahrungen mit anderen Familienmitgliedern teilen kann. Wie ihr euch vorstellen könnt, war es ein sehr bewegender Augenblick für sie, und es war manchmal schwierig, sie dazu zu bringen, wieder Englisch zu sprechen, wenn sie mit den Leuten, die uns herumführten, Deutsch sprach.

Am Ende des Tages gab es Ly zu Ehren ein Abendessen, bei dem ungefähr 20 Personen anwesend waren und in dessen Verlauf Ly in einer Rede für alles, was der Arbeitskreis Jüdisches Bingen geleistet hat, Dank sagte. Diese Menschen – keiner von ihnen ist jüdisch – sind wahre Helden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Beziehung zu den Überlebenden der Stadt zu verbessern und den guten Namen der Stadt wieder herzustellen. Ein wunderbares Unterfangen!. Wir können alle nur hoffen, dass unsere Heimkehr, wenn wir einmal zurückkommen – vor allem nach 70 Jahren – ebenso positiv sein wird.“

Solche anerkennenden, dankbaren Worte, die für viele ähnliche Äußerungen stehen, sind uns Genugtuung und zugleich Ansporn für unsere Bemühungen  um Versöhnung mit Menschen, die in jungen Jahren in dieser Stadt großes Leid, Verletzungen, Hass und Unrecht erfahren mussten, aber doch ihr Leben, wenn auch in der Fremde, retten konnten.

Mehr als einhundertfünfzig jüdischen Einwohnern in Bingen war das nicht mehr vergönnt; sie gerieten in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis. An verschiedenen Stellen erinnern inzwischen im Straßenpflaster der Stadt 32 Messingplatten auf sogenannten Stolpersteinen vor ehemaligen jüdischen Häusern oder Wohnungen an die Menschen, die dort gewohnt hatten und die entscheidend mit dazu beigetragen hatten, dass Bingen eine blühende Stadt war. 20 Gedenksteine werden im Februar des nächsten Jahres hinzukommen.

Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass wir die Festschrift von Rabbiner Dr. Richard Grünfeld zur Einweihung der Synagoge im Jahr 1905 reproduzieren ließen, die in begrenzter Anzahl nach der Veranstaltung im Foyer zum Selbstkostenpreis erworben werden kann.

Darf ich nun Sie, Frau Oberbürgermeisterin Collin-Langen, um Ihr geschätztes Wort bitten.