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Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen öffnete zum "Tag der offenen Tür" die Pforten der ehemaligen Synagoge

Notgedrungene Toleranz und Abneigung
(Wochenblatt-Bingen 24.05.2012)

Die Mitglieder des Arbeitskreises Jüdisches Bingen (v.l.): Hermann-Josef Gundlach, Dr. von Eyss, Sabine Wegner, Beate Goetz und Marie-Luise Kossmann

Am Sonntag den 20.05.2012 öffnete der Arbeitskreis Jüdisches Bingen (AKJB) die Pforten der ehemaligen Synagoge in der Rochusstraße 10 beim heutigen Feuerwehrhaus für interessierte Binger.

BINGEN (söh) - Die Synagoge wurde 1905 von der jüdischen Gemeinde in Bingen als Ersatz für die seit etwa 1700 bestehende Synagoge in der Rheinstraße errichtet. Sie ist Zeugnis einer relativ kurzen Zeit, in der sich das jüdische Leben in der Stadt frei entfalten konnte: „Es war ein herrliches, glanz- und stimmungsvolles Fest, das nun hinter uns liegt, stimmungsvoll eingeleitet und umkleidet von einer wohltuenden allgemeinen Anteilnahme der Gesamtbevölkerung an dem Freudenfeste der israelitischen Mitbürger. Fast an jedem Hause der Hauptstraßen wehten die Fahnen, - man war dabei dem löblichen Beispiel der Stadtverwaltung gefolgt, welche die Rochusstraße zu einer via triumphalis gestaltet hatte", zitiert dazu die Homepage des AKJB die „Binger Zeitung für Stadt und Umgebung" vom Tag der Einweihung.
Andererseits war die nunmehr ausgebrannte Synagoge bis in die 1970er Jahre unfreiwilliges Mahnmal der Gräueltaten der Shoah und auch ein Zeichen dafür, dass das Verhältnis Nachkriegsdeutschlands zu überlebenden Juden nach wie vor ein gespaltenes war: Prof Dr. Josef Götten fasste dies in einem Vortrag im Jahre 2007 folgendermaßen zusammen: „Es gab noch einige andere entrüstete Hinweise von Bingenbesuchern in jenen Jahren auf noch deutlich lesbare Aufschriften aus der Nazizeit wie „Juda verrecke" und „Ausgespielt ihr Juden" oder neuere Hakenkreuz-Schmierereien auf dem Bretterverschlag".
Um die Synagoge ging es am Tag der offenen Tür in der Rochusstraße 10 dieses Jahr nur am Rande. Die Gäste konnten das 2007 gefertigte Modell des vollständigen Bauwerkes betrachten und der Vorsitzende des AKJB, Hermann-Josef Gundlach, gab auf Anfrage gerne Informationen zu Fotos der Innenräume aus dem Nachlass von Karl Berrenberg, die eine kleine Ausstellung um das Modell komplettieren.
Herzstück des Tages war aber ein Vortrag von Dr. Hans-Josef von Eyss, der sich mit jüdischem Leben in Bingen vom 12. bis ins 19. Jahrhundert befasste. Die Geschichte jüdischer Menschen, die in Bingen lebten, ließ sich dabei als eine Zeit erfahren, die im Wechsel von nur notgedrungener Toleranz, und oft von blanker Ablehnung geprägt war. Bis im Zuge der Französischen Revolution 1793 einschneidende Verbesserung der Lebensbedingungen und ein Ende der Gettoisierung quasi von außen aufoktroyiert wurden, lebten Juden in Bingen abgeschottet in der sogenannten Judengasse, der heutigen Rathausstraße. Als Schutzjuden waren sie dem Mainzer Bischof schutzgeldpflichtig und wurden so toleriert. Wer die Judengasse verlassen wollte,musste Geleit beantragen, und auch ansonsten „hat man die Leute", so von Eyss, „abgezockt, wo man nur konnte".
Dennoch wuchs die Gemeinde in Bingen. Lebten um 1200 noch rund 20 Juden in der Stadt, so waren es um 1800 bereits 400. Gerade im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, ist ein rasanter Zuwachs festzustellen. Synagogen gab es in der Amtsstraße, in der Rheinstraße, und später in der Rochusstraße. Auch mindestens eine Schule und ein Hospital sind für Bingen verbürgt. Rund um das Jahr 1900 war die Gemeinde auf circa 720 Mitglieder angewachsen, und stellte acht Prozent der Binger Einwohnerschaft. Doch mit dem anschwellenden Antisemitismus im 20. Jahrhundert wendete sich das Blatt: „Wer die Zeichen der Zeit richtig zu deu-
ten wusste und die Propaganda der Nationalsozialisten ernst nahm, suchte sein Heil im Ausland", ist dazu bei Prof. Dr. Götten nachzulesen.
Im Anschluss an den Vortrag von Dr. von Eyss zeigt Hermann-Josef Gundlach den Anwesenden noch einige Fotos. Man sieht Menschen die ihr ganzes Hab und Gut am Körper tragen, und andere die auf Planwagen weggekarrt werden. Rund um stehen
Leute und schauen zu. „Da kann mir keiner erzählen, er habe nichts mitbekommen. Im AKJB sehen wir es auch als unsere Aufgabe dieses Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen", sagt Gundlach.