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Ansprache zur Kristallnacht, 9. November 2009 vor der Gemeinde “Tikwo chodoscho” (Neue Hoffnung) in Hartford, Connecticut USA

Übermittelt von der Tochter Elaine Arbizo, übersetzt aus dem Englischen von Rafi Siano, Haifa

Margot Hammerschlag ist eine Schwester von Rafi Sianos Mutter Frieda Siano geborene Marx und eine Cousine von Schmarjahu Marx und (Anneliese) Nomi Samter geborene Marx.

 

Ich, Margot Hammerschlag, geborene Marx, wurde im Jahre 1921 in der Stadt Biebrich bei Wiesbaden in der Gegend westlich von Frankfurt a.Main geboren. In der Nacht vom 9.November 1938 und die man spaeter Kristallnacht nannte, war ich also 17 Jahre alt.

Eines von fuenf Kindern, war ich in jener Nacht das letzte Kind das noch bei den Eltern lebte. Wegen der mit Hitlers Machtergreifung sich abzeichnenden Gefahr fuer die Juden, ging mein aeltester Bruder Ernst nach Suedafrika, meine Schwestern Frieda und Flora in die Schweiz und mein juengster Bruder Manfred ging nach Israel welches damals noch Palestina hiess.

Fuer die Juden waren es schreckliche Zeiten, seit 1933 mussten sie sich bei den Behoerden melden und auf der Strasse schrien die Leute “Saujude”.

In Biebrich lebten wir einige Haeuser weit von einem juedischen Metzgerladen. Etwa um neun Uhr abends hoerte ich das Zerschmettern von Glas. Wir wussten dass der Laden innen wie aussen zusammengeschlagen wurde, wir fuerchteten fuer den Ladenbesitzer und seine Familie die machtlos zusehen mussten.

Meine Eltern und ich schlossen uns zu Hause ein, gelaehmt vor Angst. Die SA und SS lachten in den Strassen und schlugen alles zusammen, ich hoere noch immer das zerbrechende Glas.

Am naechsten Tag fruehmorgens musste ich mich an meinen Arbeitsplatz begeben. Ich hatte eine Teilarbeitsstelle in einem Stoffladen der einer juedischen Famile gehoerte. Auf dem Weg zur Arbeit waren immer noch Nazis die ihr Zerstoerungswerk fortsetzten. Wie versteinert dachte ich, sie wollten mich umbringen, aber sie lachten nur und sagten “ach da kommt noch ein Jude” und liessen mich vorbei.

Ich ging zum Stoffladen, voller Sorge um die Besitzer. Dort angekommen, konnte ich nicht fassen was da zu sehn war. Alle Fenster waren zerbrochen, die Gestelle leer und alle Stoffe und Naeh-Zubehoer zerstreut auf dem Boden und auf der Strasse. Gluecklicherweise waren die Ladenbesitzer unversehrt.

Weiter unten an derselben Strasse war unsere Synagoge, ausgebrannt, alles schwarz. Nicht niedergerissen, aber ein totales Durcheinander. Ich konnte nicht hineingehen, niemand war da mit ich dem ich sprechen konnte.

Die Schwester meiner Mutter, Tante Julie, hatte einen Schweizer Buerger geheiratet und diese Familie hatte meine Schwestern Frieda und Flora in die Schweiz geholt. Aber im November 1938 war es zu spaet um mich meinen Schwestern anzuschliessen, die Schweiz hatte die Grenze fuer Juden geschlossen. Meine Eltern versuchten alles nur Erdenkliche um mich aus Deutschland herauszubringen.

Schlussendlich gelang es durch eine englische Organisation welche auslaendische Hausangestellte vermittelte, eine Stelle in England zu finden. Im Juli 1939, zwei Monate vor Kriegsausbruch, konnte ich weg.

Ich verliess Deutschland allein, ohne meine Eltern, ohne jemanden irgendwo zu kennen. Mein Vater glaubte, Hitler werde ihm und Mutter nichts antun, er war ja ein Veteran des ersten Weltkrieges und hatte ein eisernes Kreuz erhalten. Er glaubte fest an das, dennoch fand er es fuer mich einfach besser wenn ich weg waere. Ich erinnere mich wie wir uns am Bahnsteig verabschiedeten, das war das letzte mal dass wir uns sahen.

Die Reise nach England mit der Bahn fuehrte durch Deutschland und Frankreich, dann mit dem Schiff nach England ueber den Aermelkanal. Juden hatten einen speziellen Pass der sie als Juden kennzeichnete. Im Zug verlangte ein franzoesischer Beamter meinen Pass und lachte “noch ein Jude”. Man nahm mir meinen Pass und ich zitterte vor Angst. Was geschieht wenn sie mir meinen Pass nicht zurueckgeben? Wie komme ich nach England? Ich war so allein und hilflos, ich dachte ich sei verloren.

Zum Schluss schaffte ich es nach England und die Frau, in deren Haus ich arbeitete, war sehr nett zu mir. Sie stellte zusaetzlich eine Hausangestellte aus Oesterreich an sodas wir zusammen deutsch sprechen konnten. Die ganze Kriegszeit verblieb ich in England.

Waehrend des Krieges gab es keine Verbindung zwischen England und Deutschland. Eine Zeit lang hoerten wir noch etwas von unsern Eltern ueber die Verwandten in der Schweiz. Dann nahm auch das ein Ende, wir hoerten nie wieder von ihnen.

Erst 2005 erfuhren wir vom Schicksal unserer Eltern. Am 10.Jun 1942, zusammen mit 380 Wiesbadener Juden wurden sie in das KZ Majdanek in Polen deportiert. Wir wissen nicht, ob sie die Reise ueberstanden, meine Mutter war schwer zuckerkrank.

Nach dem Krieg verliess mein Bruder Manfred Palestina und kam nach Amerika und ich folgte ihm nach , sobald ich konnte,. Viele ehemalige deutsche Juden liessen sich in Hartford nieder und die Gemeinde “Tikwo Chodoscho” wurde gegruendet. Das heisst uebersetzt “neue Hoffnung”.

Die Nacht des 9. November 1938 bleibt in meiner Erinnerung und ich hoffe, den Ereignissen dieser Nacht werden wir fuer immer gedenken.

Anmerkung: Margot Hammerschlag ist, wie von Rafi Siano mitgeteilt, im Februar 2014 im Alter von 92 Jahren in den USA verstorben.