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Erinnerungen des Schmarjahu (Siegfried) Marx (1918-2011) aus Bingen

Transkription einer Videoaufnahme vom Dezember 2010, erstellt von Rafi Siano, Haifa, dessen Mutter Frieda Siano geborene Marx eine Cousine von Schmarjahu Marx und (Anneliese) Nomi Samter geborene Marx war.
Rafi Siano unterhält seit mehreren Bingen-Besuchen einen regen Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

3. Neues Leben im Kibbuzim

a) Kibbuz Aschdot Ja'akov (1936 - 38)

Meine Überfahrt vollzog sich im Rahmen einer Gruppe von 450 Jugendlichen unter dem Befehl von Xil Federmann, der sich später zum Besitzer der Dan Hotelkette und Besitzer verschiedener Industrien machte. Wir landeten in Haifa, und zu unserem Erstaunen konnte man für einen Grusch einen ganzen Sack Orangen erstehen. Unsere Gruppe fuhr nach Aschdot Ja’akow im Jordantal, südlich vom See Genezaret. Per Anhalter machten wir die Strecke bis Jagur, dort stiegen wir in den Zug und versteckten uns vor der Billetkontrolle. In Aschdot Ja’akow blieben wir rund zwei Jahre, am Morgen arbeiteten wir und nachmittags lernten wir Hebräisch, Geschichte und Gebräuche. Manchmal schwänzten wir den Unterricht, um zu arbeiten. Ich zeigte den Kibuznikim, wie man Weinstöcke veredelt und Olivenbäume pflanzt. Die Allee am Eingang steht bis heute, auch pflanzten wir Ficusbäume und Wiesen. Wir installierten die ersten künstlichen Bewässerungssysteme. Der Leiter der Ansiedlung in Palästina, Arthur Ruppin, bestaunte unsere Arbeit. Neben der Landwirtschaft arbeiteten wir auch auf dem Bau und als Schlosser, und im Laufe weniger Wochen hatten wir Jeckes einen guten Namen und waren begehrte Arbeiter.

b) Kibbuzz Givat Brenner (1938 - 39)
- Beitritt zur Hagana -

1938 beschlossen die zionistischen Institutionen, dass unsere Gruppe sich dem Kibbuz Givat Brenner anschließen soll. Givat Brenner war damals einer der größten Kibbuzim, man sprach dort meist Deutsch, und es lebten dort viele Akademiker, Musiker und kulturell Tätige. Ich übersiedelte also dorthin und arbeitete im Gartenbau. In jenen Tagen zogen erste Siedler in die Sanddünen von Cholon südlich von Tel Aviv und bauten die ersten Häuser. Für die Gärten musste Erde gebracht werden, und Givat Brenner erhielt dafür den Auftrag. Ich bekam einen Pferdewagen mit einem Gespann von Zugtieren und brachte also eine Ladung Gartenerde nach Cholon. Die Kunden bezahlten in bar, und so versammelten sich in meinen Hosentaschen 60 palästinensische Pfund, damals ein Vermögen. Auf dem Heimweg traf ich den Kassierer von Givat Brenner, der mir alles Geld abnahm. Ich bettelte um 5 Grusch, damit ich nach Tel Aviv fahren könne, um mich mit meiner Freundin zu treffen, aber er blieb unerbittlich. So fuhr ich halt per Autostopp. 

Der Landschaftsarchitekt der Siedlung von Cholon war übrigens ein ehemaliger Ahlemer, der Agronom David Kesten, den ich noch von Deutschland kannte. Die Siedler waren meist ehemalige deutsche Juden, Akademiker, die sich einen Anteil an der Autobuskooperative „Egged“ erworben hatten und nun als Chauffeure ihr Auskommen fanden.
Ich fuhr dann nach Tel Aviv und traf meine Freunde, darunter auch ein Mädchen aus Bingen. Vor allem bettelte ich mir 20 Pfund zusammen, um meinem älteren Bruder die Einwanderung zu finanzieren, was ich dann zustande brachte. 

In Givat Brenner blieb ich etwa ein Jahr, bis 1939. In dieser Zeit kamen Jugendliche aus Österreich, die noch kein Wort Ivrit wussten. Die schätzten es sehr, deutschsprachige Chaverim zu treffen. In dieser Zeit ermordeten Araber zwei unserer Kibbuzmitglieder, und ich trat der Hagana (Verteidigungsorganisation) bei. Wir lernten mit Waffen umzugehen, aber ich hatte außer Wachen keine militärischen Erlebnisse in dieser Zeit.

c) Kibbuz Gescher (1939 - 63)
- Gründung einer Familie - 

Dann wurde unserer Gruppe vorgeschlagen, den Kibbuz Gescher im Jordantal zu übernehmen. Viele der ursprünglichen Siedler hatten den Kibbuz verlassen, aber auch unsere Gruppe schrumpfte, einige verließen uns, um woanders hinzuziehen, zwei Mitglieder kehrten sogar nach Europa zurück, aber wir hörten nie wieder von ihnen, vermutlich haben sie den Krieg nicht überlebt. In Gescher war die Lage angespannt, sowohl wirtschaftlich wie militärisch. Wir legten Verstecke für Waffen an, die Briten hatten uns das Halten von Waffen ja verboten. Verstecke waren in Erdlöchern und auf Bäumen, in Ruinen aus der römischen und der türkischen Zeit. Heute besteht in Gescher ein Museum, dort werden die Verstecke, „Slik“ genannt, gezeigt. Ein anderes „Slik“ war unter dem Sandspielkasten des Kindergartens, dieser Ort war am problematischsten. Die Kindergärtnerin, die von dem Versteck nicht wissen durfte, war meine Frau. Wir hatten uns im Jahr zuvor in Aschdot Ja’akov kennen gelernt, ich war für einen Kurs zurückgekehrt, um den Leuten das Anpflanzen von Bäumen beizubringen. Meine Vorgesetzte wies mir in ihrem Haus einen Schlafplatz auf dem Betonboden mit Strohsäcken zu, und neben mir schlief noch ein Mädchen von der Jugendaliah. Nach einigen Tagen machten wir uns bekannt und 1941 heirateten wir. Ruth Alexander stammte aus Berlin. Die Hochzeit war recht bescheiden. Ich musste zwei Fässer Petrol aus Tiberias in den Kibbuz bringen. Ich spannte also das Maultier vor den Wagen und fuhr mit meiner Braut los. Am Weg fuhren wir bei Rabbiner Korn vorbei, natürlich in Arbeitskleidern. Der Rabbiner wusste, wie das bei den Kibuznikim ist und lieh uns zwei Ringe für die Zeremonie. Die gesetzlich vorgeschriebenen Zeugen hatten wir auch nicht zur Verfügung, der Rabbiner begnügte sich mit zwei Unterschriften, die ich ihm am nächsten Tag bringen musste. Diese brachte ich dann mit einer Ladung Gemüse aus dem Garten. 
Bei unserer Rückkehr aus Tiberias wurden wir mit einem Kuchen empfangen, irgendwie hatte sich herumgesprochen, dass Schmerl und Ruth heiraten. Als erste Wohnung diente uns ein leer stehendes Zimmer im Kinderhaus, das damals noch recht unbewohnt war. Die fehlende Türe improvisierte ich mit Säcken. Als Tisch und Stühle dienten Blechfässer, alles war behelfsmäßig.

Noch während unserer Zeit in Aschdot hatten wir manchmal in den Feldern gearbeitet, so dass wir die Verhältnisse kannten. Wir begannen mit einem Maulpferd, nicht einmal ein Traktor stand zu unserer Verfügung. Zuerst pflanzten wir Bananen, aber das Mikroklima war ungünstig. Das fanden wir erst nach Jahren heraus, nach elf Jahren erst stellten wir auf Grapefruit um und pflanzten Haine unter meiner Leitung.
Zu Beginn bestand Gescher aus Blechhütten. 1939, als die Gruppe aus Givat Brenner zu uns stieß, kauften wir dann eine Herde von Schafen. Später kam eine Herde von Syrischen Kühen dazu, die Weiden in der Nähe waren zu karg, und der Hirte Katriel Efroni musste seine Herde bis nach Yavniel treiben (ca. 30 km). Der Kibbuz wurde ganz sozialistisch geführt, die Versammlung fasste demokratische Beschlüsse, Kleider und Wäsche waren gemeinsam und nummeriert. Ich erhielt Nummer drei. Duschen waren gemeinsam, natürlich getrennt, jeweils für Männer und Frauen. Das Kulturleben war schön und reich. Einer unserer Mitglieder war ein guter Musiker, Rasiel Solodar. Seine Frau Edna saß später im Parlament. Wir hatten einen Chor, Klavierstunden, einen Zirkel für Englisch und eine Bibliothek mit einem Lesezimmer für Zeitungen.
Wir wurden „Gafirim“ im Rahmen der Hagana, das ist eine Form von Hilfspolizist. Jetzt durften wir offiziell Waffen halten und Übungen durchführen. Ich wurde Korporal, die Übungen waren in Afikim, ein Kibbuz etwa 10 km von uns. Darauf verwendeten wir viel Zeit. Am Abend kümmerten wir uns um die Kinder.
In jener Zeit errichtete die Elektrizitätsgesellschaft unter der Leitung von Pinchas Ruthenberg das Wasserkraftwerk „Naharaim“ im Jordan. Wir arbeiteten auch dort, denn die Bezahlung war für die damaligen Verhältnisse ausgezeichnet. Nachdem im Krieg italienische Flugzeuge das künftige Kraftwerk bombardiert hatten, wurden die Zuflussrohre mit einer Betonschicht abgesichert, dabei arbeiteten wir Tag und Nacht.