. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Erinnerungen des Schmarjahu (Siegfried) Marx (1918 - 2011) aus Bingen

Transkription einer Videoaufnahme vom Dezember 2010, erstellt von Rafi Siano, Haifa, dessen Mutter Frieda Siano geborene Marx eine Cousine von Schmarjahu Marx und (Anneliese) Nomi Samter geborene Marx war.
Rafi Siano unterhält seit mehreren Bingen-Besuchen einen regen Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

2. Hachschara und Abschied

Mittlerweile kam das Jahr 1933, und Hitler ergriff die Macht. Mein Vetter Erich Marx war aktiv bei der Jugendaliah und drängte mich, nach Palästina zu fahren. Dazu mussten die Eltern einwilligen, und meine Mutter war dazu nicht bereit, und mein Vater war ja schon 1930 verstorben. Erich drängte mich, die Unterschrift meiner Mutter zu fälschen und befahl mich nach Berlin. Außerhalb der Stadt gab es ein großes Gut, Rüdnitz bei Bernau, wo die Zionistische Organisation 50 bis 60 Jugendliche beiderlei Geschlechts für die Landwirtschaft vorbereitete. Mein Vetter war Absolvent der jüdischen landwirtschaftlichen Schule Ahlem bei Hannover und wurde Leiter des Gutes in Rüdnitz. Erich gelang es später, seine Eltern Robert und Frieda nach Amerika zu retten. (Es handelt sich hier um die Familie Robert Marx aus Bingerbrück.) Es sei hier festzustellen, dass die Ahlemer Agronomen sehr viel zu Landwirtschaft und Gartenbau in Palästina und Israel beigetragen haben. Heute  ist keiner von ihnen mehr am Leben. 
In Rüdnitz war ich der Einzige mit einer landwirtschaftlichen Vergangenheit. Unter meiner Leitung wurden die Jugendlichen und Kinder in Gruppen eingeteilt und lernten erst einmal Unkraut jäten. Dann brachte ich Ihnen bei, wie man pflanzt, was Blumenkohl oder Erdbeeren sind, alle Arbeiten, bei welchen man sich bücken muss oder der Körper sich um 90 Grad krümmt. Nach einem Monat beschloss eine Kommission, welche Jugendlichen nach Palästina fahren dürfen, ausschlaggebend war meist die gesundheitliche Verfassung. Monat für Monat wurde so eine Gruppe mit etwa 40 Kindern weggeschickt und eine neue Gruppe zusammengestellt. In Palästina wurden die Kinder dann in Kibuzim oder Moschawim (Dörfer) verteilt, die Organisation der Jugendaliah kümmerte sich um sie. 
Ich selbst weilte von Juni bis November 1935 in Rüdnitz, unterdessen hatte ich ein Zertifikat erhalten (Einwanderungsgenehmigung), musste dies aber geheim halten. Nun näherte ich mich dem Alter von 17 Jahren, und die Jugendaliah erlaubte keine Zöglinge über dieser Altersgrenze. 

Ich beschloss also, zusammen mit einem Kameraden von der Hachschara (Vorbereitung), noch eine Rundreise durch Deutschland zu unternehmen und dann weg zu fahren. Wir fuhren per Anhalter zuerst nach Leipzig, wo wir bei Kameraden, die wir von der Hachschara kannten, übernachteten. Am Abend in Leipzig gingen wir zu einem zionistischen Vortrag, der Sprecher war ein Herr Josef Burg, welcher später im Staate Israel viele Jahre als Innenminister amtierte. Geld war knapp, wir fuhren weiter nach Halle und nach München, überall nahm man uns sehr freundlich auf. Das Essen war ein Problem, denn wir wollten kein Schweinefleisch verzehren. Weiter ging’s nach Frankfurt, wo wir in der Jeschiwa (Talmudhochschule) eine Herberge fanden. Von dort war es nicht mehr weit nach Bingen, wo wir zwei Nächte blieben. Dann weiter über Hamburg zurück nach Berlin, Alles in Allem zwei Wochen. Nun fuhr ich zum letzten Mal nach Bingen, um Abschied von Mutter und  Geschwistern zu nehmen. Ich packte in zwei kleine Kisten Arbeitsschuhe, Arbeitskleider und schöne Kleider für den Schabbat. Damals musste man bereits für solche Sendungen eine Erlaubnis der Polizei erhalten. Der Polizist kannte unsere Familie und befahl mir nur, die Kisten zu schließen und sagte, hau’ ab, so schnell Du kannst. Ich machte mich auf den Weg und im Januar 1936 gelangte ich in den Kibbuz Aschdot Ja’akow im Jordantal.

Der Abschied in Bingen war schwer, wir spürten alle, dass es ein Abschied für immer war.
Es gelang meinem älteren Bruder Josef und seiner Frau Ella Bär später, als Maapilim nach Palästina zu kommen, wo sie bei Herzlia, unweit Tel Aviv, an Land gingen. Maapilim waren jene illegalen Einwanderer, die vom Schiff durchs Meer watend oder schwimmend das Ufer erreichten.
Meine Schwester Frieda und ihr Mann (Walter Bär) versuchten zu flüchten. Sie gelangten nach Zagreb und bestiegen einen Donaudampfer, der sie zum Schwarzen Meer und dann nach Palästina bringen sollte. Es war etwa die Zeit, wo der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin el Husseini, seine Freundschaft zu Hitler pflegte. Der Mufti erbat sich vom Führer als Geschenk, dass die Passagiere dieses Schiffes Palästina nicht erreichen sollten. Hitler entsprach dem Wunsche, und alle 150 Juden auf dem Schiff wurden erschossen, darunter eben meine Schwester und mein Schwager. Diese Ereignisse wurden uns von einer Zeugin übermittelt. Mein Bruder und ich trafen sie in Tel Aviv, und das war für uns eine schwere Stunde.
Meine Mutter und mein jüngerer Bruder Arthur wurden gezwungen, in eine kleine Wohnung in Bingen umzuziehen, das Haus musste für einen lächerlichen Betrag verkauft werden. Mein Bruder Josef half noch beim Umzug, dann begab er sich auf die Reise. Nach seiner Ankunft im Lande wurde er zuerst von unserer Kusine Nomi (Anneliese Samter-Marx) aufgenommen, bis er seinen Platz im Kibbuz Jagur bei Haifa fand.