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Yasmin Lahav- über die FamilieYasmin Lahav spricht ergreifend über die Bedeutung der Familie - damals und heute

Rede von Yasmin Lahav

Diese Reise ruft enorm viele Gedanken hervor. Gedanken über die Vergangenheit, den Krieg und Flüchtlinge drängen sich mir auf. Gedanken über die Rolle und die Errungenschaften des Jüdischen Staates, meines Landes, aber auch über die unmögliche politische Situation, in der sich das Land heute befindet und wie es mit dieser Realität zurechtkommt.

Heute aber will ich über Familie reden. Das Herzstück unserer Identität, das uns zu dem macht, was wir sind. Seitdem ich Mutter bin, und vor allem, da ich eine allein erziehende Mutter bin, mache ich mir viele Gedanken über Familie.

Als ich mich auf diese Reise vorbereitete, las ich noch einmal einige Zeilen, die mein Vater über seine Großeltern und ihr Leben hier in Bingen schrieb, soweit es uns bekannt ist. Die Darstellung gibt das Bild einer Familie wieder, die ein „normales“ Leben führte: Eltern, die arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und drei Kinder erzogen, die sie gewiss mit Stolz erfüllten. Kinder, die zur Schule gingen, Mitglieder von Jugendbewegungen waren, an Samstagen mit ihren nicht-jüdischen Nachbarn spielten. Familie eben. Mit den alltäglichen Sorgen und Freuden, Ferien und Reisen, mit Auseinandersetzungen und Krankheit und mit all den Träumen – mit allem, wovon junge Menschen am Anfang ihres Lebens träumen, und mit dem, was sich ihre Eltern für sie erhoffen.

Ab einem bestimmten Punkt Ende der dreißiger Jahre änderte sich das normale Leben dieser Familie. Die drei Kinder wurden an unterschiedliche Orte geschickt, die Eltern aus ihrem Heim geworfen. Ein Leben, das eigentlich in „normalen“ Bahnen verlaufen sollte, geriet auf grausame Weise völlig durcheinander, und die Wucht dieses Umsturzes wirkt sich bis in meine Generation und sogar darüber hinaus aus.

Die Kinder der Familie ließen, mit Blick auf die Zukunft, ihre Vergangenheit hinter sich und gingen zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach Israel. Hier fingen sie mit nichts an und gründeten ihre eigenen Familien. Als Mutter eines dreijährigen Mädchens muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie es sein muss, eine Familie zu gründen, Kinder zu haben und alle diese Erfahrungen zu machen, ohne seine Eltern an seiner Seite zu wissen. Es hilft mir irgendwie zu verstehen, warum meine Großeltern ein Kibbutz als Lebensform wählten, als Ersatz für eine nahe und große Familie, die es nicht mehr gab.
Wenn ich heute die große Bedeutung der Anwesenheit von Großeltern als aktive Personen im Leben eines Kindes sehe, dann denke ich auch an meinen Vater, der ohne Großeltern aufwuchs wie die meisten seines Alters im Kibbutz. Es ist sicher einer der Gründe, warum mein Vater all die Jahre damit zubrachte, viele kleine Informationen über seine Familie zusammenzutragen, auch die, die aus Bingen kamen.
Bedauerlicherweise zeigten meine Geschwister und ich in all den Jahren nicht genügend Interesse für diese Geschichten, und auch deshalb bin ich froh, dass ich heute hier sein kann. Ich denke über all dies nach und fühle mich privilegiert, dass ich meine Tochter so nahe bei meinen Eltern großziehen kann und dass sie auf diese Weise aufwachsen darf.

Als meine Tochter Galia geboren wurde, schrieb mir mein Vater, dass er (Zitat) „ sich darauf freut, sich als ‚Opa’ zu fühlen – nicht wegen des Lebensabschnitts, auf den das Wort anspielt, sondern weil es bedeutet, dass die Generationen der Familie weiter bestehen“ (Zitatende). Ich bin glücklich, die Gelegenheit zu haben, heute hier zu sein, die Gelegenheit zu haben – wenn auch nur für einen Augenblick – mich als Teil einer Triade zu fühlen, ein anderes Stück des Puzzles, das meine Familie ist, kennen zu lernen, das Haus zu besuchen, die Stadt und das Land, aus dem meine Großeltern kamen, glücklich über die Geschichten, die ich vor der Reise hörte und über die Gelegenheit, all dies meiner Tochter weitergeben zu können.

Ich möchte mich bedanken, dass Sie uns hierhin eingeladen haben, und ich lade Sie ein, uns in Israel zu besuchen.

Danke und Shalom.

Yasmin Lahav
August 2011

(Aus dem Englischen von Beate Goetz, Arbeitskreis Jüdisches Bingen)

 

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