. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Gedenken am 9. November 2011

Bericht zum Gedenken an der Synagoge in Bingen am 9. November 2011

Text: Klaus Biesdorf
Alle Fotos: Hermann-Josef Gundlach

Klaus Biesdorf, Kath. BasilikagemeindeFrau Veerhoff, Ev. JohanneskirchengemeindePfarrerin Ingeborg Barker, Ev. Freikirche, "Der Fels"Hiltrud Kilian, Kath. BasilikagemeindePfarrer Olliver Zobel, Ev. JohanneskirchengemeindePfarrer Gerhard Choquet, Kath. BasilikagemeindeBeate Goetz, Arbeitskreis Jüdisches BingenPfarrer Ingo Scharwächter, Freie evangelische GemeindeKerzen zum GedenkenGespräch mit Vertretern von TIFTUFTeilnehmerTeilnehmer

„Es ist nicht zu Ende …“

In der Rochusstraße in Bingen wurde, wie alljährlich am 9. November der Reichspogromnacht 1938 gedacht. Der Ausschuss für Ökumene Bingen-Stadt und der Arbeitskreis Jüdisches Bingen hatten zum Gedenken an die ehemalige Synagoge eingeladen. Unter dem Leitmotiv „Es ist nicht zu Ende…“ wurde in den vorgetragenen Texten deutlich zu machen versucht, worin der Sinn eines solchen Gedenkens 73 Jahre nach der Schändung und Zerstörung der Synagoge in Bingen bestehen kann. Mit den Worten des Propheten Joel erklangen in der Begrüßung mahnende und auffordernde Worte. Der Prophet stößt mit der Mahnung, ein damaliges historisches Geschehen, eine Heuschreckenplage, als Erinnerung zu bewahren, etwas dem Menschen zutiefst Wesentliches an. Zugleich will er aber auch, dass es „weiter-erzählt“ wird, um es so vor dem Vergessen zu bewahren. Dieser Linie folgend spricht ein Gedicht von Charlotte Delbo, Überlebende der Haftzeit in Auschwitz, die Zuhörer als „Wissende“ an, anklagend im Ton und eindringlich in den sprachlichen Bildern. Und was man in Bingen 1938 „wissen“ konnte, bestätigten die Erinnerungen von Karl-Heinz Trautmann, der als Schüler den 10. November 1938 als Gang durch die Rochusstraße beschreibt. Im gemeinsamen Psalm-Gebet des Psalms 10 klang dann neben der Klage auch das Vertrauen in die Hilfe und Rechtsetzungskraft Gottes an. Verstärkt wurde die Intention des Psalms durch ein jiddisches Lied, vorgetragen von Pfarrer Choquet, in welchem die Shoa auf ergreifende Weise thematisiert ist. Wie sehr im Sinne des Propheten Joel ganz lebendige Erinnerungen in den jüdischen Familien weiterleben, wurde in den Zeugnissen der Nachkommen der Familie Wolff aus Bingerbrück deutlich, gesprochen anlässlich der Stolpersteinverlegung im August dieses Jahres. In Ausschnitten wurden Sätze aus den Dankesreden Amnon Lahavs, des Enkels von Moritz und Else Wolff, sowie Worte seiner Tochter Yasmin vorgetragen. Es sind sehr bewegende Aussagen der zweiten und der dritten Generation derer, die den Holocaust überlebt haben. Aus dem Gesagten konnte man spüren, wie sehr diese Nachkommen die eigene Lebensgeschichte als lebendige Erinnerung begreifen. In den Worten von Amnon Lahav: „Was wir heute hier in Bingerbrück erlebt haben, ist kein Strich unter eine Lebensgeschichte, die eigentlich kein Ende hat. Die Stolpersteine markieren einen Platz des Gedenkens in unserer Erinnerung. In gewisser Weise sind die Stolpersteine für die Familie Wolff eine Art Ersatz für Grabsteine, die nie errichtet werden konnten. Eine bemerkenswerte Bemühung, um niemals zu vergessen.“ Mit Lied, Gebet und Segensworten ging das Gedenken zu Ende, das für viele Binger Mitbürger, auch für Mitglieder des Vereins TIFTUF, die in der Synagoge eine kleine Heimstätte haben, ein wichtiger Bestandteil ihrer eigenen Erinnerungskultur geworden ist.

zurück