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Schicksal ungewiss

STOLPERSTEINE Erinnerung auch an Lili Brück

AZ-Serie, Teil 6 vom 19.09.2011

Von Beate Goetz


Am 31. August wurden 14 Stolpersteine an sechs Positionen im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. In einer Serie porträtieren wir Menschen, denen dieses Gedenken gilt.
Lili Brück (im Geburtseintrag Elisabeth) wurde am 24. Juni 1892 als Tochter von Emil Natt und seiner Ehefrau Bertha geborene Strauhs in Langenlonsheim geboren, wo die Familie schon seit dem 17. Jahrhundert ansässig war. Sie hatte drei Brüder: Sally, Herbert und Fritz. Sally Natt fiel am 24. September 1914 im Ersten Weltkrieg. Herbert Natt blieb unverheiratet. Er floh im Januar 1939 zusammen mit seinem Bruder Fritz Natt, dessen Frau Else und ihrem Sohn Hans nach Bolivien. Nach dem Tod von Fritz und Else Natt Ende der 60er-Jahre zogen Herbert und Hans Natt weiter nach Israel. Da Hans Natt zunehmend Probleme mit dem dortigen Klima hatte, kehrte er mit dem Onkel nach zehn Jahren nach Deutschland zurück, wo Herbert Natt bald starb.
Hans Natt fand in Bingen seine Jugendfreundin Luise wieder, die inzwischen verwitwet war. Das Paar heiratete und lebte bis zum Tod von Hans Natt 2004 in der Mainzer Straße 3. Hans Natt fand seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Bingen.
Lili Natt heiratete am 30. Dezember 1918 in Langenlonsheim den Kaufmann Carl Brück, der am 24. Juni 1879 in Alsenz geboren wurde. Er war Teilhaber der Weingroßhandlung I. Brück Söhne in Bingen. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Sohn Walter kam am 7. Dezember 1919 schon in Bingen zur Welt, Tochter Lotte am 11. Juli 1922. Die Familie wohnte in der Mainzer Straße, später Adolf-Hitler-Straße, 31. Das Haus gehörte je zur Hälfte den Brüdern Carl und Alfred Brück.
Walter Brück verließ Bingen im April 1936 und ging in die Schweiz, von dort nach Holland. Er hatte das Glück, am 16. Juli 1939 mit der „Dora“, dem letzten Schiff, das Holland Richtung Palästina verließ, von Amsterdam über Antwerpen nach Haifa fliehen zu können. Er nahm den Namen David Barkai an und lebte im Kibbuz Hazorea, wo er 1989 starb.
Lotte Brück floh im Februar 1939 nach Holland, wo sie sich auf ihre Einwanderung nach Palästina vorbereitete. Als das Vorbereitungslager im August 1941 geschlossen wurde, ging sie nach Amsterdam, wo sie verhaftet und in Westerbork interniert wurde. Von dort aus erfolgte am 15. Juli 1942 der Transport in das Vernichtungslager Auschwitz.
Carl Brück starb am 29. Oktober 1939 und ist auf dem jüdischen Friedhof in Bingen beerdigt. Bruder Alfred floh mit seiner Frau Paula und Sohn Herbert im November 1939 nach Chile. Tochter Doris hatte man schon im März nach Südfrankreich zu Verwandten geschickt. Nach mehreren Fluchtversuchen wurde sie im Lager Rivesaltes interniert. Erst nach dem Krieg konnte sie Eltern und Bruder nach Chile folgen. Herbert Brück starb am 12. April 2011 in Santiago de Chile, seine Schwester Doris lebt mit ihrem Mann in Mexiko. Auch Lili Brück hatte gehofft, mit einem Sondertransport nach Palästina auswandern zu können, wie sie in ihrer Familienliste schrieb. Sie wurde jedoch mit der Nr. 465 am 20. März 1942 nach Piaski deportiert, wo der Transport am 25. März ankam. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss.
Mit den beiden Stolpersteinen wollen Doris und Hanns Herzberg an Tante und Cousine erinnern.

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Lili Brück mit den Kindern Walter und Lotte