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Eine dunkle Binger Geschichte

NATIONALSOZIALISMUS Jüdische Kaufleute Münzner 1942 in Vernichtungslager deportiert

AZ-Serie, Teil 5 vom 14. 09.2011

Von Beate Goetz

Am 31. August wurden 14 Stolpersteine an sechs Positionen im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. In einer Serie porträtieren wir Menschen, denen dieses Gedenken gilt.
Sophie (manchmal auch Sabine) Münzner kam am 16. Juli 1871 als Tochter des Lederhändlers Leopold Albert und seiner Ehefrau Johanna geborene Landau in Bingen zur Welt. Sie hatte zwei Brüder, Arthur und Joseph. Joseph starb 1880 im Alter von vier Jahren, Arthur 1884 mit 14. Das Epigraph auf seinem Grabstein spricht von einem Leben voll Schmerzen und Qual.
Die beiden Schwestern Anna, verheiratete Simon und Elisabeth, verheiratete Falkenstein, wanderten laut Familienliste von 1940 nach Holland beziehungsweise Bolivien aus. Anna jedoch wurde in Westerbork interniert, im Juli 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.
Einst ein Kaufhaus in der Kapuzinerstraße
Sophie Albert heiratete am 8. August 1895 den Kaufmann Gustav Münzner (geboren am 12. September 1863), der aus Russ in Ostpreußen stammte. Am 20. März 1897 wurde Sohn Joseph, am 21. September 1911 Sohn Ludwig in Bingen geboren.
Der Älteste diente im Ersten Weltkrieg als Landsturmmann im Landsturm-Infanterie-Ersatz-Bataillon IV/26; er starb am 8. Juli 1918 an einer Kriegsverletzung im Reservelazarett in Bingen.
Familie Münzner besaß ein Kaufhaus in der Kapuzinerstraße 3 und ein Haus in der Rathausstraße 3, in dem die Gebrüder Münzner Ende des 19. Jahrhunderts einen Goldwaren-, Uhren- und Optikladen betrieben. Sohn Ludwig gehörte das damalige Haus Nummer 8 in der Martinstraße; auch er war Kaufmann.
Als Gustav Münzner am 16. Juli 1940 starb, wurde er im Familiengrab, in dem auch schon Sohn Joseph ruhte, beigesetzt. Die linke Seite des dreiteiligen Grabsteines blieb leer. Sophie Münzner wurde am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 16. Mai 1944 mit der Verlegung in das Vernichtungslager Auschwitz in den sicheren Tod geschickt.
Spuren verlieren sich im heutigen Polen
Ludwig Münzner war nach dem Pogrom vom 11. November 1938 bis zum 13. Januar 1939 als sogenannter „Aktionsjude“ im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach der Schließung des väterlichen Geschäftes war er als Bauarbeiter in einem Binger Bauunternehmen tätig. Trotz einer relativ niedrigen Wartenummer von 14 552 und einer Bürgschaft für Amerika steht er als Nummer 516 auf der Liste der im März 1942 aus Hessen deportierten Juden. Der Transport erreichte am 25. März Piaski im heutigen Polen. Ludwig Münzners weiteres Schicksal ist unbekannt.
Die Stolpersteine für Sophie und Ludwig Münzner wurden von einem Binger Ehepaar gesponsert.

Fragen und Kommentare bitte per Mail an: beategoe[at]freenet.de

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