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"Nach 1938 durften wir nirgendwo mehr hingehen

„Nach 1938 durften wir nirgendwo mehr hingehen“

JÜDISCHE SCHICKSALE Ellen Mayer Fine denkt noch heute an Spaziergänge am Rhein mit ihrem Großvater Ferdinand Simon zurück

AZ-Serie Teil 4 vom 06.09.2011

von Beate Goetz

Am 31. August wurden 14 Stolpersteine an sechs Positionen im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. In einer Serie porträtieren wir Menschen, denen dieses Gedenken gilt.
Der Weinhändler Ferdinand Simon wurde am 28. November 1868 als Sohn des Weinhändlers Gottfried Simon II und seiner Ehefrau Jeanette, geborene Simon, in Gensingen geboren. Hier hatten auch schon die Großeltern Philipp Simon und Amalie, geborene Kahn, gewohnt. 1878 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Bingen.
Ob es die schon besseren Verkehrswege am Rhein-Nahe-Eck waren, die auch noch andere Gensinger Familien nach Bingen abwandern ließen, bleibt offen. Gottfried Simon II starb am 10. April 1900, seine Frau Jeanette am 10. Oktober 1914; beide sind auf dem jüdischen Friedhof in Bingen bestattet.
Ferdinand Simon gründete mit Bertha Levy (* 19. Dezember 1873 in Dortmund) eine Familie.
Die Eltern von Bertha Simon, Jacob und Ida Levy, starben in Wiesbaden. Alice, die gemeinsame Tochter von Ferdinand und Bertha Simon, kam am 22. März 1902 in Bingen zur Welt. Einen Grund, warum er kein Soldat im Ersten Weltkrieg war, nennt Ferdinand Simon in seiner Familienliste von 1940 nicht.
Tochter Alice heiratete Moritz Mayer, der aus Dromersheim stammte. Zusammen mit Tochter Ellen (* 18. Dezember 1929 in Bingen) verließ das Paar im März 1940 Bingen mit dem Zug, der sie nach Italien brachte; von dort erfolgte per Schiff die Auswanderung nach USA. Auch Ferdinand und Bertha Simon wollten nach Nordamerika auswandern, wurden aber am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ferdinand Simon starb dort schon am 28. Dezember 1942, Bertha Simon am 7. März 1943.
1936 hatte das Ehepaar in der Schloßbergstraße 17 (damaliger Zählung) gewohnt, deportiert wurde es aus der Martinstraße 1.
Enkelin Ellen Fine, geborene Mayer, lebt heute verwitwet in Philadelphia. Sie hat eine Tochter und drei erwachsene Enkel. An ihre Großeltern erinnert sie sich sehr liebevoll: „Mein Opa und ich machten oft Spaziergänge am Rhein. Es machte mir Spaß, mit ihm spazieren zu gehen. Mit Oma spielte ich Spiele. Nach 1938 durften wir nirgendwo mehr hingehen. Meine Großeltern waren gute Menschen, und ich stand ihnen sehr nahe.“
Aus gesundheitlichen Gründen kann Frau Mayer Fine nicht an der Stolperstein-Verlegung teilnehmen. Den Stein für Ferdinand Simon finanziert ein Mitglied des Arbeitskreises Jüdisches Bingen; den Stein für Bertha Simon sponsert Hildegard d’Ornano aus Nordfrankreich.
Da sie die Idee, die hinter Gunter Demnigs Projekt steht, unterstützen wollte, entschied sie sich bei der Auswahl des Ortes, in dem „ihr“ Stolperstein liegen sollte, für Bingen, die Stadt ihrer Namenspatronin.

Fragen und Kommentare bitte per Mail an: beategoe[at]freenet.de

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