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Die leise Hoffnung erfüllte sich nicht

Im Benediktusgarten in Bingerbrück war die Familie Müller zu Hause, ehe sie 1936 in die Rochusstraße umziehen musste.

AZ Bingen vom 15.08.2011
Von Beate Goetz

STOLPERSTEINE 

Familie von Weinkommissionär Ludwig Müller hatte Antrag auf Ausreise in die USA gestellt / Deportation im März 1942

 Der Weinkommissionär Ludwig Müller wurde am 17. Dezember 1887 als Sohn von Julius Müller und Rosalie, geborene Marx, in Windesheim geboren. Auch seine beiden Kinder Fritz (geboren am 6. Februar 1925) und Ruth (geboren am 27. März 1929) kamen dort zur Welt. Ehefrau Klara geborene Willstädter (geboren am 6. Februar 1897) stammte aus Graben in Baden; die Hochzeit des Paares fand am 7. Juni 1923 in Mannheim statt.

Haus fiel dem Bombenhagel zum Opfer
Ludwig Müller war Sergeant im Ersten Weltkrieg und erhielt das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. 1936 wohnte die Familie im Benediktusgarten 11 in Bingerbrück. Das Haus fiel dem Bombenhagel zum Opfer und wurde nicht mehr aufgebaut. Mit der Einrichtung der sogenannten „Judenhäuser“ 1939 musste die Familie in das Haus des Juden Adolf Rosenstock in die Rochusstraße 3 nach Bingen umziehen.
Wie der Vater in seiner Familienliste, die jeder jüdische Haushaltsvorstand im März 1940 ausfüllen musste, angab, hatte man die Auswanderung in die USA beantragt; man besaß hierzu für alle vier Personen die geforderten Bürgschaften von Verwandten.
Sohn Fritz befand sich im März 1940 zur Vorlehre in Frankfurt. Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie sehr sich auch für die jüdischen Kinder und Jugendlichen das Leben gegen Ende der dreißiger Jahre verändert hatte, gibt ein Brief von Fritz Müller vom April 1939 an seinen Freund Kurt Herz. Dieser war mit seinen Geschwistern Günter und Ruth schon bei Verwandten in Schweden in Sicherheit.

„Die Binger Jugend kommt nicht mehr zusammen“
Fritz schreibt, es gebe in der Schule nur noch zwölf bis 15 Kinder, alle Klassen zusammen, da schon viele ausgewandert seien. In den Pausenhof bei der Synagoge, in der auch die Schulräume untergebracht waren, dürfe man nicht mehr, der Englisch-Unterricht werde von älteren Schülern erteilt; auch Zeugnisse habe es nicht gegeben. Bedauernd fügt er hinzu: „Die Binger Jugend kommt nicht mehr zusammen und wir spielen auch kein Tischtennis mehr.“ Fritz Müller beendet seinen Brief mit der Bitte: „Lieber Kurt, spreche mal mit der Leiterin (Deiner Schule), ob sie nichts für mich tun kann.“
Die leise Hoffnung, doch noch Deutschland verlassen zu können, erfüllte sich für Fritz Müller nicht. Am 20. März 1942 wurde er zusammen mit seinen Eltern und der Schwester nach Piaski-Lublin deportiert. Dort verliert sich die Spur von Ludwig, Klara und Ruth Müller. Für Fritz ging es weiter in das Konzentrationslager Majdanek, wo er ermordet wurde.

 Am 31. August wurden 14 Stolpersteine an sechs Positionen im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. In einer Serie porträtieren wir die Menschen, denen dieses Gedenken gilt.

KONTAKT
Beate Goetz ist stellvertretende Vorsitzende im Arbeitskreis Jüdisches Bingen und pflegt seit 1997 den Briefkontakt mit ehemaligen Binger Juden und deren Nachkommen in aller Welt. 
Fragen und Kommentare bitte per Mail an: beategoe[at]freenet.de

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