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1988: Jüdisches Bingen - Pogrom nach 60 Jahren

von Beate Götz

erschienen in SACHOR, Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8. Jahrgang, Ausgabe 2/98, Heft Nr. 16, ISSN 0940-8568

Die Gegenwart

Als die aus Bingen stammende Jüdin Doris Brück-Herzberg vor zwei Jahren mit ihrem Mann ihre frühere Heimat besuchte, blieb sie auch an der Stelle stehen, an der die Synagoge gestanden hatte. "Wir klingelten an der Tür und ein Jüngling machte sie auf. Auf unsere Fragen wußte er uns keine Antwort zu geben. Er hatte anscheinend keine Ahnung, was die angebrachte Erinnerungsplatte bedeutete: Dort stand einmal ein Zentrum des Gebetes und einer Kultur."
Angesichts eines solchen "Erlebnisberichtes" wird die Unzulänglichkeit von Gedenktafeln und Mahnmalen deutlich. Aber nicht dem zufällig öffnenden jungen Mann ist ein Vorwurf zu machen. Es drängt sich vielmehr die Frage auf: Wieso gibt es noch so viele Menschen, die über eine so schicksalsträchtige Zeit in Deutschland so wenige Kenntnisse besitzen?
In Bingen gibt es seit gut einem Jahr einen "Arbeitskreis Jüdisches Bingen", der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Gemeinden neu zu beleben und zu bewahren. War Anfang der 80er Jahre in heimatkundlichen Beiträgen noch die Rede von den "vergessenen Bingern" und davon, daß sich die Spur der Binger Juden im Lager Theresienstadt verloren habe, wie auch die vielhundertjährige Geschichte der jüdischen Gemeinden in Vergessenheit geraten sei, dann gilt dies heute so nicht mehr.

Im Juli 1997 suchte der Arbeitskreis Kontakt zu den ehemaligen jüdischen Bürgern, ausgehend von dem Personenkreis, der seit Anfang der 90er Jahre mit der Stadt in Verbindung steht. War man im Vorfeld skeptisch, wie ein solches Schreiben bei den Empfängern aufgenommen würde, so war die Freude groß, als nach kurzer Zeit eine ganze Reihe Antwortbriefe aus den USA, aus Chile, Mexiko, Namibia, der Schweiz und aus Israel eintrafen; später noch aus Schweden und England. Inzwischen wollen weitere Personen, die von den Rundbriefen gehört haben, in die Liste aufgenommen werden.
Man erfuhr aus den Briefen, daß in all den Jahren nach dem Krieg ehemalige jüdische Mitbürger Bingen besucht haben, um ihren Kindern zu zeigen, "wo ihre Ahnen wohnten". Man ging vorbei an alten Familienhäusern, an den Überresten der Synagoge in der Rochusstraße und besuchte die Familiengräber auf dem jüdischen Friedhof. Vor allem dieser Friedhof ist für die meisten der wichtigste Angelpunkt in Bingen und die Sorge um dessen Pflege und Erhalt daher nur allzu verständlich. Bei vielen ehemaligen Binger Juden ist trotz des oft schon hohen Alters der Wunsch wachgeblieben, noch einmal den Ort besuchen zu können, der für sie einmal Heimat war.
Diesen Wunsch konnte sich die ehemalige Binger Jüdin Doris Brück-Herzberg im Juli dieses Jahres erfüllen, als sie zusammen mit Ehemann und jüngster Tochter die Stadt besuchte, in der sie vor 71 Jahren geboren wurde. Sie hat heute ihren Wohnsitz in Chile, eine Aufenthaltsgenehmigung für Mexiko und besitzt einen deutschen Reisepaß.
In dem offenen, engagierten Gespräch auf Burg Klopp, wo die Gäste von Bürgermeisterin Brigitte Giesbert empfangen wurden, war der ehemaligen Bingerin eine Frage besonders wichtig: "Wie ist das in Schulen, wird das, was man mit mit den Juden gemacht hat, übergangen oder erfahren die Schüler im Unterricht davon?"
Auf das Verhältnis von christlichen und jüdischen Schülerinnen während ihrer eigenen Schulzeit angesprochen, meinte Doris Brück-Herzberg, daß es vor 1938 überhaupt kein Problem gewesen sei, daß sie und zwei weitere Klassenkameradinnen Juden waren. Vor allem in der katholischen Mädchenschule habe man keine Ressentiments gespürt. Wenn die christlichen Mädchen Religionsunterricht hatten, sei man eben in die nahe Synagoge gegangen. Auch das nachbarschaftliche Miteinander sei gut gewesen. Wenn an Weihnachten im Hinterhaus der Weihnachtsbaum angezündet wurde, brannte im Vorderhaus der Chanukka-Leuchter.
Erst als der Mord in Paris bekannt wurde, habe man gespürt, daß etwas "in der Luft lag, man ahnte etwas." Als elfjährige Kinder sei man jedoch noch nicht über die Hintergründe aufgeklärt worden. Die ehemalige Bingerin erinnert sich aber noch ganz genau an den Bruch, der dann folgte: "Auf einmal war man etwas anderes. Die Freundinnen kamen nicht mehr ins Haus, und wir wurden nicht mehr eingeladen."
Mit dieser Erfahrung hatte auch der Ehemann, Hans Herzberg, ein gebürtiger Oberschlesier, in seiner eigenen Heimat fertig werden müssen. Sein bester Freund, mit dem er dieselbe Klasse im Gymnasium besuchte, sagte eines Tages: "Ab morgen sehen wir uns nicht mehr." Er müsse das verstehen, er wolle schließlich studieren und Karriere machen.
Und plötzlich stand auf Burg Klopp die Frage im Raum: "Was wäre geschehen, wenn die Bevölkerung damals mehr Widerstand geleistet hätte?"
Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte Familie Brück Bingen nie verlassen, die Mutter aber, die sein Vertrauen in die vermeintliche Sicherheit nicht teilen konnte, sagte schon bald: "Wir müssen hier raus!" Sie sei es auch gewesen, die die Familie später in Chile mit einem kleinen Geschäft ernährte, der Vater habe sich dort nie so recht einleben können. Besonders bedrückend sei in den ersten Jahren nach der Emigration für alle Juden, die vorher in guten Verhältnissen gelebt hatten, die unsichere finanzielle Situation gewesen. So habe ein 60tägiger Krankenhausaufenthalt des Bruders, der wegen Typhus behandelt werden mußte, die Familie in arge Bedrängnis gebracht.
Auf die Frage, ob sie bei ihren vier Besuchen in Deutschland nach dem Krieg eine Entwicklung bei sich verspürt habe, meinte die ehemalige Bingerin: "Dieses Mal war es anders, es fand ja auch ein Treffen mit alten Klassenkameradinnen statt." Vor dem offiziellen Empfang auf Burg Klopp war es nach 60 Jahren zu einem Wiedersehen mit den fünf Mitschülerinnen gekommen, die heute noch in Bingen leben. Eine Teilnehmerin beschreibt später die Stimmung als offen und herzlich. Man habe natürlich viele Fragen aneinander gehabt, und die Freude, die alle über dieses Treffen empfanden, habe einen schnell wieder zueinander finden lassen.
Eine leise Bitterkeit kam dann doch auf, als sich die Erfüllung des Wunsches, einmal mit Mann und Tochter durch das ehemalige Wohnhaus der Familie zu gehen, äußerst schwierig gestaltete. - Dabei kann ein vertrauter Blick aus der einst elterlichen Wohnung das kostbarste Souvenir aus der alten Heimat sein für Menschen, die schon lange in weiter Ferne ihren neuen Lebensmittelpunkt gefunden haben.