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"Dem unvorstellbaren ein Gesicht geben"

Aus Quelle: AZ Bingen, vom 16.11.2009
Ulrike Schäfer

"Dem Unvorstellbaren ein Gesicht geben"

OSTHOFEN (uls). Ein ganz besondere Anlass ist für Dr. Dieter Schiffmann, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, die erstmalige Erweiterung der seit 2004 bestehenden Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen. Entschlossen hat man sich zu dem ungewöhnlichen Schritt, weil der Arbeitskreis Jüdisches Bingen drei Fotos aus dem Nachlass des Binger Fotografen Karl Kühn erhalten hat, die die Deportation jüdischer Bürger am 20. März 1942 festgehalten haben. Dokumente dieser Art seien rar, so Schiffmann: Zu sehen sind Menschen, die unter Polizeiaufsicht ihre wenigen Habseligkeiten auf Wägelchen zum Sammeltransport bringen. „Das geschah am helllichten Tag", betonte Schiffmann. „Man sieht, wie sich ringsum reges Leben und Treiben abspielt". Dr. Josef Götten, Vorsitzender des rührigen Arbeitskreises, rollte in einem eindringlichen Vortrag die Geschichte der Binger Juden auf. Wann sie zum ersten Mal hier siedelten, ist unbekannt, doch wird erwähnt, dass 1160 der Gelehrte Eliezer ben Joel HaLevi von Bonn nach Bingen flüchtete, demnach gab es hier um diese Zeit bereits eine Gemeinde. Ein Jahr später verlor Eliezer bei einem Pogrom seine ganze Habe. Dies wirft ein Licht auf das stets bedrohte Leben der Juden, die, so Götten, als Geldgeber und Handelsleute willkommen waren, aber selbst in friedlichen Zeiten immer mit Gesetzen und Sonderabgaben belastet wurden. Die Geschichte der Gemeinde Bingen verlief ganz ähnlich wie in Worms. Nach der Gleichstellung in napoleonischer Zeit begann die Gemeinde aufzublühen. Um 1900 wurden 713 Juden in Bingen gezählt. Sie bauten eine prachtvolle Synagoge, die in der Reichskristallnacht völlig zerstört wurde. 1933 war die Gemeinde schon um ein Drittel geschmolzen, 1938 waren es nur noch 222 Menschen. Zum Kriegsende gab es auch in Bingen keine Juden mehr. „Als verheerende Zäsur" habe der Historiker Werner Grandjean die Vertreibung und Ermordung der Binger Juden bezeichnet, sagte Götten, nicht nur unendliches Leid habe sie über die Menschen gebracht, sondern auch eine unumkehrbar kulturelle und menschliche Verarmung. Dr. Walter Rummel, Leiter des Landesarchivs Speyer, erläuterte, dass Fotos vor allem dem „Unvorstellbaren" ein Gesicht geben, aber auch eine wertvolle Ergänzung zu Entnazifizierungsakten, Prozessakten und Zeugenaussagen sind und manchmal neue Erkenntnisse bringen. Dazu analysierte er mehrere Fotos, die während der Reichskristallnacht in Guntersblum gemacht wurden. Sie wie die Binger Fotos belegen klar, dass die gewalttätigen Ausschreitungen keinesfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit passierten. Als zehn Guntersblumer Juden mit Thorarollen und anderen kultischen Gegenständen durch die Gassen getrieben, bespuckt, geschlagen und mit Steinen beworfen wurden, waren immer Zuschauer zugegen, auch Kinder, die von den Erwachsenen angefeuert wurden. Es habe sich aber, soweit man sehen könne, in diesem Fall um einen kleinen harten Kern gehandelt, fuhr Rummel fort. Umso notwendiger sei, bereits kleinste Anzeichen von rassistischen Übergriffen ernst zu nehmen.