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Paul Siegel "Was ist koscher? Jüdischer Glaube - jüdisches Leben".

Vortrag von Frau Beate Goetz bei der Vorstellung des Synagogenmodells am
28. Januar 2007

Auszug aus:
Paul Spiegel: „Was ist koscher? Jüdischer Glaube - jüdisches Leben"
S. 61-62 und

Zitate aus Briefen eines überlebenden Juden aus Chile zum Besuch der zerstörten Synagoge im Jahr 1939

Schon zu den Zeiten des Salomonischen, vor allem dann später zur Zeit des Zweiten Tempels gab es Versammlungsräume, in denen sich Juden zum Gebet und zum Studium einfanden. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer, 70 d. Z., erhielten diese Versammlungsräume überlebenswichtige Bedeutung für das Judentum. ...
Die Versammlungsräume, in denen sich Juden zum Gebet einfanden, mussten plötzlich den Tempel ersetzen. Ein Haus der Versammlung, auf Hebräisch: Beit ha Knesset, war aber auch ein Haus des Lernens und des Lehrens, ein Beit ha Midrasch. Zu bestimmten Zeiten wurde gebetet, ansonsten traf man sich dort, um die heiligen Bücher zu studieren und die Kinder zu unterweisen. Deshalb nannten die Römer die Synagoge „schola judaeorum". Auf Jiddisch, diesem deutschen Dialekt, den die Juden aus dem mittelalterlichen Deutschland nach Osteuropa mitgenommen haben, heißt so ein Haus der Versammlung „Schul", also: Schule. Mit „Schul" ist eine Synagoge gemeint, wobei Synagoge nichts anderes ist als die nahezu wörtliche Übersetzung des hebräischen „Beit ha Knesset". „Synagogein" heißt auf Altgriechisch: zusammenkommen.
Die Synagoge war also zunächst ein Zentrum für die Zusammenkunft einer Gemeinschaft. In der Diaspora erhielt sie dadurch zentrale Bedeutung für eine Gemeinde. Hier traf man sich zum Gebet, zum Lernen, aber auch zum gemeinschaftlichen Feiern. So wuchs die Synagoge als Gebäude und hatte irgendwann bald Räume, die sich an den Gebetsraum anschlössen: Dahin konnten sich Studiengruppen in aller Ruhe zurückziehen, oder man ging nach dem Gebet in einen der größeren Nebenräume, wo ein Kiddusch, ein feierliches Essen für die Gemeinschaft aus besonderen Anlässen, vorbereitet war.
Bis heute sind alle diese Funktionen einer Synagoge gültig geblieben, und jeder noch so neue Bau berücksichtigt diese Bedürfnisse.

Schlüsselerlebnis eines überlebenden Juden

Vor diesem Hintergrund können wir nur erahnen, welch unauslöschlichen Eindruck der Anblick der ausgebrannten Synagoge bei den noch in Bingen verbliebenen jüdischen Menschen hinterlassen haben muss. In einem seiner ersten Briefe an den Arbeitskreis Jüdisches Bingen schrieb Herr Herbert Brück, der heute als Heriberto Bruck in Santiago de Chile* lebt, im Dezember 1997 unter der Überschrift „Schlüsselerlebnis":
„Es muss wohl Anfang des Jahres 1939 gewesen sein, als es einer kleinen Gruppe jüdischer Mitbürger erlaubt wurde, die ausgebrannte Synagoge in der Rochusstraße zu besuchen, wohl um zu sehen, ob noch irgendetwas vorhanden war.
Ich befand mich unter diesen paar Leutchen, die verängstigt die Tür aufmachten.
Der Eindruck war unbeschreiblich und ist mir bis zum heutigen Tag in ewiger Erinnerung geblieben. In den Räumen, die durch die Umstände erzwungen zu unserem zweiten Heim geworden waren, waren nur noch verkohlte Wände, zerhackte Möbel, in Feuchtigkeit schwimmender Unrat und verkohlte Reste des einstigen Mobiliars. Wenn man den Blick erhob, sah man anstatt der früheren Kuppel den blanken Himmel.
Wo wir an den Feiertagen in erhobener Stimmung unsere Gebete gesagt hatten, wo einst über 60 Thora-Rollen (eine recht beträchtliche Anzahl für so eine kleine Gemeinde) gestanden hatten, war nun eine ganze Epoche und Tradition brutal zerstört worden. Wir wussten damit und empfanden, dass uns der Boden von unseren Füßen gezogen war. Es war das Ende."
Und im Oktober 2005 schrieb Herr Bruck in einem Grußwort zum 9. November:
„Liebe Freunde. Dieses Jahr ist der Einweihung vor 100 Jahren der Synagoge in der Rochusstraße gewidmet. Diese war in den Jahren der Verfolgung für uns weit mehr als nur ein Gotteshaus. Besonders für uns Jugendliche war es die letzte Zuflucht, wo wir uns trafen, Ping Pong spielten und uns Gedanken über unsere bedrohliche Situation machten.

(...) Über seinen Besuch in der geschändeten Synagoge schreibt er weiter: „Der Eindruck, den ich bis heute nicht vergessen habe, war der einer Katastrophe, am Boden verkohlte Möbel, die im Wasser schwammen, über uns der freie Himmel, die Mauern angeschwärzt und der Brandgeruch über allem. Plötzlich beugte sich der Sohn des Schuhmachers Keller zum Boden und fand unter dem Unrat eine Jad, auf Hebräisch „Hand", das ist ein Gegenstand von etwa 20 cm aus Silber, an dessen Ende sich eine kleine Hand befindet (und) mit einem ausgestreckten Zeigefinger, der am Schabbat benützt wird, um dem Text der klein geschriebenen Zeilen der Thora zu folgen. Das war das Letzte, was noch geblieben war.
Das Zeichen war eindeutig. Meinen Eltern gelang es in letzter Stunde, ein Visum nach Chile zu bekommen, wo ich seitdem lebe und eine Familie habe. Viele andere, die ich persönlich kannte, haben es nicht geschafft, darunter der Schuhmacher Keller und Familie, der Buchhalter Müller und Familie, der Vertreter Herr Rosenstock und Familie, der Pensionär Herr Simon und Frau; meine Tante Lili Brück und manch andere sind auf der Liste der Deportierten im Jahre 1942. Was sie mitmachen mussten, ist unvorstellbar. Liebe Freunde, habt Dank für die Feierstunde, die uns Überlebende aussöhnt mit der grausamen Vergangenheit."

* Heriberto Bruck ist am 12. April 2011 Chile verstorben.