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1998: Jüdisches Bingen - Pogrom nach 60 Jahren

von Beate Götz

erschienen in SACHOR, Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8. Jahrgang, Ausgabe 2/98, Heft Nr. 16, ISSN 0940-8568

Der Pogrom und die Folgen/ Ein Wiedersehen nach fast 60 Jahren

Neben Brandschatzung, Verwüstung und Plünderung jüdischen Eigentums wurden reichsweit über 26000 männliche Juden verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht. Der ehemalige Binger, der heute in Südamerika lebt: "Auch für die Binger Juden war die im Volksmund sogenannte Reichskristallnacht ein bitteres Erlebnis. Schon bald darauf mußten fast alle männlichen Mitglieder für einige Wochen ins KZ Buchenwald. Sie kamen zurück mit glattgeschorenem Kopf und hatten unbeschreibliche Erniedrigungen erlitten. Der Schock war groß. Immerhin wurden vorher fast alle in Bingen von einem Arzt untersucht, und dieser versuchte, einigen von diesen den Aufenthalt zu ersparen, indem er 'feststellte', daß einige Krankheiten hatten, die ihnen den Aufenthalt dort unmöglich machen würden. Es waren eben nicht alle vom Nazi-Ungeist befallen. Mein Vater konnte sich dadurch retten."
Mit dieser Verhaftungswelle sollte der Auswanderungsdruck erhöht werden; wer durch seine Familie beschaffte Auswanderungspapiere vorlegen konnte, wurde schneller entlassen als andere. Den Juden wurde als "Sühneleistung" die Zahlung von einer Milliarde Reichsmark auferlegt, die durch den Pogrom entstandenen Schäden mußten behoben und die damit verbundenen Kosten selbst bezahlt werden; als letzter Schritt zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben wurde die Zwangsarisierung aller jüdischen Unternehmen, Geschäfte und Handwerksbetriebe angeordnet.
Daß auch diese Maßnahme streng überwacht wurde, zeigt ein Auszug aus einem Zeitungsartikel des "Mittelrheinischer Anzeiger", Binger Seite vom 11. November 1938, wo es unter der Überschrift "Arisierungsmethoden, die wir uns verbitten - Nicht der Name allein darf wechseln" heißt: "Ein deutscher Kaufmann hat mit deutschem Geschäftsgebaren aufzuwarten und nicht mit jüdischem Schmus, und wenn er das dennoch tut, dann ist er kein deutscher Geschäftsmann, sondern eine Arisierungshyäne; Und diese Gattung lehnen wir ab". Weiter steht geschrieben: "Die Juden müssen alle raus, aus allen Stellungen. Keiner soll mehr am deutschen Volke verdienen. Diejenigen aber, die Geschäft und Geschäftsbücher aus jüdischer Hand erwerben, arisieren die Firmen nicht, indem sie das Zeichen der schaffenden Deutschen an die Scheiben kleben, sondern indem sie als deutsche Kaufleute ein deutsches Geschäft mit deutschen Methoden führen." Es war ein weiterer Schritt, der in der Entrechtung, Entwürdigung und Entmenschlichung aller Juden in Deutschland gipfelte. Von den 222 Juden, die im Mai1939 in Bingen lebten, wanderten noch zwölf aus, 150 wurden in den Konzentrationslagern Piaski-Lublin und Auschwitz (Polen) sowie Theresienstadt (heute Tschechien) ermordet.
Das Leben derer aber, die Deutschland noch rechtzeitig verlassen konnten, hat sich abrupt und grundlegend verändert. Oft waren es nur einzelne Familienmitglieder, denen die Auswanderung ermöglicht werden konnte, oder andere, die sich in Holland oder Frankreich schon in Sicherheit wähnten, wurden dort interniert und später in Konzentrationslager deportiert.
Marian Bonem geborene Marianne Nathan erreichte im April 1939 zusammen mit Mutter und Großmutter Holland, wo sie ihren Vater wiedertraf. Im November 1939 gelang der Familie die Auswanderung nach Amerika.

"Das sind und waren Binger Kinder". schreibt Doris Brück-Herzberg zu diesem Foto, das 1938 hinter der Binger Synagoge aufgenommen wurde. Zu sehen sind (oben von links): unbekanntes Mädchen; Loli Gutman oder Gutheim (Aufenthaltsort unbekannt); Marianne Nathan, nennt sich heute Marian Bonem (wohnt in Cleveland); Ellen Reist und Margot Stern (beide im KZ ermordet). In der unteren Reihe (von links) sind zu sehen Marion Wolf (im KZ ermordet); Ruth Meyer (wohnt wahrscheinlich in England); Doris Brück-Herzberg (lebt heute in Mexiko) Bild: privat

Doris Herzberg geborene Brück, die zweite der drei Jüdinnen der Mädchenklasse am "Institut St. Mariä", brauchte länger, um wieder mit ihrer Familie vereint zu werden. Die Eltern und der Bruder wanderten nach Chile aus, sie selbst wurde nach Frankreich auf einen Bauernhof zu Verwandten geschickt, weil man sie dort sicher glaubte. Sie konnte später Frankreich nicht verlassen, da sie keine gültigen Papiere vorweisen konnte und die Deutschen das Land schon besetzt hatten. Nach einem mißlungenen Versuch, heimlich auszureisen, wurde sie von deutschen Soldaten aufgegriffen und in das Internierungslager Rivesaltes unweit der spanischen Grenze gebracht. "Es war ein schrecklicher Ort. Die Schlafstellen waren aus Stroh gemacht, überall gab es Läuse, und das Essen war furchtbar."
Immer wieder stellte Doris Brück Anträge, um die Ausreisegenehmigung zu erhalten. Sie war 1945 die erste deutsche Jüdin, die Paris verlassen durfte. Nach einer 30-tägigen Reise auf einem Frachter erreichte sie Chile, wo Eltern und Bruder sie erwarteten. Als sie später eine eigene Familie gegründet hatte, ging sie nach Mexiko.Von der dritten Jüdin der ehemaligen Mädchenklasse, Loh Gutheim(er), kennt man den heutigen Aufenthaltsort nicht, sie steht jedoch auch nicht auf den Binger Deportationslisten. Die beiden einstigen Freundinnen Doris Brück-Herzberg und Marian Bonem hatten 59 Jahre lang kein Lebenszeichen voneinander. Erst 1997 brachte eine Tochter von Doris Brück-Herzberg die Adresse der Jugendfreundin ihrer Mutter in Erfahrung. Beim ersten Treffen im vergangenen Jahr waren sich beide Frauen einig, daß sie all die Jahre von einem Wiedersehen geträumt, aber nie daran geglaubt hatten, daß sie es erleben würden. Marian Bonem: "Dieser Besuch war so wunderbar, aber auch so traurig. Erinnerungen an diese schreckliche Zeit überfluteten uns. Aber jetzt hat wenigstens jede von uns die andere, um diese Erinnerungen miteinander zu teilen."