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1998: Jüdisches Bingen - Pogrom nach 60 Jahren

von Beate Götz

erschienen in SACHOR, Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8. Jahrgang, Ausgabe 2/98, Heft Nr. 16, ISSN 0940-8568

Von der Einweihung der Synagoge in der Rochusstraße bis zur brutalen Zerstörung

Marian Bonem, als Marianne Nathan in Bingen am Rhein geboren, heute in den USA lebend, erinnert sich an den 10. November 1938: "Am Tag vor der Kristallnacht ahnten die Nonnen an der katholischen Schule, die wir besuchten, daß etwas Schlimmes auf die Juden zukommen würde. Sie nahmen die ganze Klasse mit zu einem Picknick in einem großen Garten jenseits des Rheins." (Anmerkung: Binger Klassenkameradinnen sagen, es sei Rümmelsheim, also jenseits der Nahe gewesen) "Wir erinnern uns, daß wir, als wir zurückkamen, Flammen und Qualm sahen, die von einem großen Feuer ausgingen, von unserer Synagoge, wie wir später erfuhren."
Es war jene Synagoge in der Rochusstraße, die am 21. September 1905 unter großer Anteilnahme der Binger Bevölkerung feierlich eingeweiht worden war. Sie stand auf dem Terrain des ehemaligen Feist'schen Weingartens, das die jüdische Gemeinde für 40000 Reichsmark erworben hatte. Man hatte sich zu diesem Neubau entschlossen, da das bisherige Gotteshaus in der Rheinstraße 2 "den Anforderungen der Zeit an eine würdige Kultusstätte in keiner Weise mehr entsprach, sich an den Feiertagen als zu klein erwies, der Jugend überhaupt keinen Raum bot und die Benützung der Orgelempore von bautechnischer Seite als bedenklich bezeichnet wurde", so Rabbiner Dr. Richard Grünfeld in der Festschrift zur Einweihung. Die Arbeitsaufträge waren zum großen Teil an ortsansässige Unternehmen und Handwerker vergeben worden, die nach den Plänen des Karlsruher Baurates Levy einen stattlichen, an die Romanik anklingenden Synagogenbau mit integrierten Verwaltungsräumen, Beamtenwohnungen und einem Schulbereich erstellten. Im giebel- und turmgekrönten Mittelbau, der von zwei leicht vorspringenden Treppenhäusern flankiert war, lagen die Hauptzugänge, über denen zwei steinerne Löwen die in Stein gehauenen Gesetzestafeln beschützten. Der zweistöckige Hauptraum bot im Erdgeschoß Raum für 218 Männer und auf der Empore für 171 Frauen. Als Geschenk zur Einweihung hatte die Verwaltung der Stadt Bingen der jüdischen Gemeinde 6000 Reichsmark zur Anschaffung einer Orgel bewilligt. Rabbiner Grünfeld beschließt seine Beschreibung mit dem Wunsch: "Möge die neue Synagoge in der Rochusstraße für die Gemeinde werden: ein Haus des Segens und des Friedens, der Andacht und der Erhebung, eine Quelle der Belehrung und des Trostes, eine Pflanzstätte des lautersten Patriotismus und echter, unverfälschter Menschenliebe." Vor allem der letzte Teil des Segenswunsches ist ein Hinweis auf den hohen Integrationsgrad vieler deutscher Juden Anfang dieses Jahrhunderts, insbesondere dieser Binger Gemeinde.

Die Synagoge in der Rochusstraße war der Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Bingen. Vom Allerheiligsten existieren wohl nur noch dieses Foto. Bild: Karl Kühn

Welchen Stellenwert die Synagoge gerade in den bedrückenden Jahren des Nationalsozialismus für die Gemeinde hatte, belegen Auszüge aus dem Briefwechsel des Arbeitskreises "Jüdisches Bingen" mit ehemaligen jüdischen Bingern. Eine Jüdin, die im August 1938 Bingen verließ, erinnert sich: "Um meine Jugend mehr zu beschreiben, kann ich nur sagen, daß die Synagoge in den späteren Jahren der Mittelpunkt unseres Lebens war. Alle meine freie Zeit wurde dort verbracht. Wir hatten Vorträge, außerdem gehörte ich zum Synagogenchor unter der Leitung von Musikdirektor Knettel. Er hatte auch den Cäcilienverein unter sich. Da ich eine sehr gute Stimme hatte, bat er mich, in einigen seiner Konzerte in der Stadthalle mitzusingen, was ich gerne tat. Das war natürlich vor 1933."
Marian Bonem berichtet weiter, daß man ihr nach der Rückkehr von besagtem Schulausflug zu verstehen gab, sie solle zu ihrer Großmutter gehen. Der Vater, dem dringend geraten worden war, Deutschland zu verlassen, war am Vortag zu einer Geschäftsreise nach Holland aufgebrochen. "Ich erinnere mich, daß ich solche Angst hatte an jenem Abend; wir spürten, daß wir in Gefahr waren. Spät am Abend klopfte es an die Tür. Meine Großmutter sagte: 'Kommen Sie herein, meine Herren'. Sie (die SA) winkten uns hinaus, gingen geradewegs auf den Geschirrschrank meiner Großmutter zu und warfen ihr ganzes Kristall auf den Boden und zerstörten alles."
Gabriele de Steenhuijsen Piters, eine Binger Mitschülerin von Marian Bonem, schildert, wie bestürzt sie war, als sie am Nachmittag des 10. November auf ihrem Heimweg erleben mußte, daß man dabei war, das jüdische Kaufhaus Münzner in der Kapuzinerstraße zu demolieren und zu plündern. Am ärgsten traf die damals Zwölfjährige aber, daß ein angesehener Mitbürger zu den uniformierten SA-Leuten gehörte, die als Wachtposten vor dem Kaufhaus Stellung bezogen hatten. Sie setzte ihren Weg nach Hause fort, durch die sich in Aufruhr befindende Stadt, vorbei an der Rochusstraße, in der sich eine größere Anzahl Menschen um die brennende Synagoge drängte. Weiter stadtauswärts in der Mainzer Straße hatte ein Anstreicher, der mit Arbeiten in einer jüdischen Villa beschäftigt war, ein Gebetstuch über die Balkonbrüstung gehängt und kleinere Gegenstände des jüdischen Ehepaares aus dem Fenster geworfen.
Andere ältere Binger berichten von ausgeleerten Reissäcken vor jüdischen Lebensmittelgeschäften in der Innenstadt und von auf die Straßen geworfenen Möbelstücken.
Jüdische Mitbürger, die trotz der bitteren Erfahrungen, die sie unter den Nationalsozialisten machen mußten, heute wieder in Deutschland leben, leiden immer noch unter den traumatischen Erlebnissen. "So kam die Kristallnacht 1938, im Kontor meines Vaters wurde der Fensterladen hochgeschoben, Scheiben eingeschlagen, und die Meute war im Hause. Vom Speicher bis zum Keller wurde alles kurz und klein geschlagen, wir mit. So zog man meine Mutter an den Haaren aus dem Bett und warf sie die Treppe hinunter. Anschließend kam der Mob ins Haus, und es wurde gestohlen, was nur möglich war."
Es ist aus heutiger Sicht schwer zu verstehen, daß es angesichts der so verlaufenen Ereignisse, die von vielen Bürgern beobachtet werden konnten, am 11. November unwidersprochen auf der Binger Seite der Rhein-Nahe-Zeitung lauten konnte: "Diese Aktionen waren trotz der verständlichen Erregung der Bevölkerung durch äußerste Disziplin gekennzeichnet. Keinem Juden wurde ein Haar gekrümmt."