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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Ehemalige jüdische Mitbürger ziehen Bilanz nach Besuch in Bingen
Wieder inniger Kontakt nach mehr als 60 Jahren Trennung - Bericht der Allgemeinen Zeitung vom 8. Oktober 1999 - Text Beate Goetz

Es sind schon einige Wochen ins Land gezogen, seit der Arbeitskreis Jüdisches Bingen seine jüdischen Gäste verabschiedete. Aber immer noch kommen Briefe an, die zurückblicken auf die gemeinsam verbrachten Tage in der alten Heimat.

So schreiben Nomi Samter geborene Marx und ihr Cousin Schmarjahu Marx aus Israel: „Es waren sechs wunderschöne und interessante Tage. Nach mehr als 60 Jahren unserer Trennung und Verstreuung in alle Teile der Welt fanden wir ehemalige Binger wieder einen innigen und herzlichen Kontakt zueinander - ein jeder mit seiner tragischen und doch optimistischen Lebensgeschichte, die uns dieses Zusammensein ermöglichte.'

Als besonders erfreulich empfinden es die Besucher, dass sie jungen Menschen begegneten, die sich für sie und ihr Schicksal interessierten, aber auch das Wiedersehen mit alten Bekannten war wohltuend. Auch ihr Bruder Karl Bermann schreibt: 'Wir zehren noch immer von den Erlebnissen. Auch das Wiedersehen mit alten Schul-und Sportkameraden von Rüdesheim, war für mich ein großes Ereignis.'

In den Briefen wird berichtet, dass man oft miteinander telefoniert oder, wo das möglich ist, sich triff, um über die vielen Eindrücke zu reden. Besonders glücklich sind diejenigen, die in Begleitung von Sohn oder Tochter hier waren, dass der gemeinsame Besuch bei den Kindern das Interesse an der eigenen Familiengeschichte verstärkt oder sogar geweckt hat und die Älteren wünschen sich, 'dass die junge Generation einen Weg zu euch finden wird, nicht nur auf der eigenen Spurensuche'.

Herta Rivka Rayiv geborene Bermann 'Im Traum hatte ich mir nicht vorgestellt, dass man sich an uns einstige jüdische Mitbürger noch erinnert und an uns denkt, die wir ja in alle Winde zerstreut sind.'

Doris Brück-Herzberg aus Mexiko sagt: 'Nun denke ich wirklich doch anders an Bingen zurück als vorher.' Und Suzanne Pepper geborene Herz aus Israel: 'Sie alle haben unseren Aufenthalt nicht nur erleichtert, sondern wir sind wieder nach Hause gefahren mit einem sehr erleichterten Herzen.' Man habe ihr die Antwort gegeben auf viele Fragen, die sie immer gehabt habe. Dass die Begegnung aber nicht nur frohe Stunden bescherte, daran erinnern die eindringlichen Worte von Herbert Brück aus Chile: 'Aber bei alledem ist es uns unmöglich, den Anlass dieses Besuches zu vergessen. Gebieterisch zogen die Schatten der Vergangenheit ein; wir mussten an so viele denken, die nicht bei uns waren, alle auch Menschen, die in Bingen gewohnt hatten, denen die Auswanderung nicht gelungen war und die so grausam umkommen mussten.

Die Schatten dieser Menschen begleiteten uns, wir sahen sie auf den schon vergilbten Fotografien; meine Schulkameraden und die Verwandten, die sagen uns: Vergesst uns nicht. Wir können sie nicht vergessen.' Sinngemäß fährt er fort: Die Menschen, denen wir begegnet sind, denen eine neue menschliche Denkweise zu eigen ist, die uns versteht, haben erreicht, dass wir unsere Reserven fallen ließen. Sie haben mit viel Gefühl Balsam auf unsere Wunden gegossen. Der in die Zukunft gerichtete Blick von Nomi Samter und Schmarjahu Marx ist dem Arbeitskreis wichtig. 'Unsere Gastgeber wurden unsere Freunde; jeder sprach mit jedem, man kam sich näher, man lernte sich kennen und schätzen. Wir bauten eine Brücke zwischen Mitgliedern des Arbeitskreises und ehemaligen Binger Juden und hoffen, dass dieser Kontakt weiterbesteht.'