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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Besuch in Büdesheim
29 Juden für eine Woche zu Gast in ihrer alten Heimat / Erinnerungen ausgegraben - Bericht der Allgemeinen Zeitung (AZ) vom 5. Juni 1999

Auf Einladung der Stadt und des 'Arbeitskreises Jüdisches Bingen' haben sich Juden, die vor dem Krieg aus Bingen flüchten mußten, wieder für eine Woche in ihrer alten Heimatstadt zusammengefunden. Die 29 Gäste trafen aus den USA, Israel, Mexiko und Chile ein. Viele von ihnen sind nach ihrer Flucht das erste Mal in Deutschland.

Beim offiziellen Empfang drückten Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen, Esther Epstein als Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Dr. Josef Götten als Vorsitzender des Arbeitskreises (AK) Jüdisches Bingen und andere Redner ihre Freude über den Besuch aus. 'Die Stadt schickt seit langem regelmäßig Informationen an rund 40 der ausgewanderten Juden', informierte Götten. Nach der Gründung des Arbeitskreises im vergangenen Jahr kam dann sehr schnell die Idee auf, die Ausgewanderten einzuladen. Im Weingut Wendel trafen sich die Besucher zu einem gemütlichen Abendessen. Eingeladen hatte Hans Natt, gebürtiger Langenlonsheimer und einer der wenigen Juden, die nach ihrer Flucht wieder in Deutschland Fuß faßten.
Natt verließ Langenlonsheim mit seiner Mutter nach der Reichskristallnacht 1938. Die ganze Familie flüchtete später nach Bolivien, wo Natts Eltern starben. Er selbst reiste mit seinem Onkel nach Israel, hielt es dort wegen einer Klima-Allergie aber nur sieben Jahre aus und kehrte nach Deutschland zurück. Hier heiratete er 1979 seine frühere Freundin Luise, damalige Leiterin des Altenheims in Büdesheim.
Ähnlich verlief die Geschichte von Karl Shimshon Bermann, der 1917 in Bingen geboren wurde. 'Ich mußte 1935 nach einer Schlägerei mit Hitler-Jugendlichen aus Deutschland flüchten', berichtete der rüstige 82jährige. Seine Eltern mußte er zurücklassen. Bermann schaffte es über die Grenze nach Dänemark und von dort ins damalige Palästina, wo er in einem Kibbuz lebte. Seine Eltern starben im Konzentrationslager.

1966 kehrte Bermann nach Deutschland zurück und nahm Kontakt mit ehemalige Schul-und Sportkameraden auf 'Aber ich kannte ja ihre Geschichte nicht - es konnte sein, daß ich neben den Mördern meiner Eltern saß', beschrieb er seine damaligen Gefühle. Trotzdem hielten Bermann und seine Schwester Hertha Raviv Kontakt nach Deutschland.
Beim gemütlichen Beisammensein im Weingut Wendel erlebten die beiden eine besondere Überraschung: Ihr alter Schulfreund Ernst Eckert besuchte sie, und es wurden viele gemeinsame Erinnerungen ausgegraben - ganz wie es sich Hans Natt für diesen Abend gewünscht hatte: 'Laßt uns ein paar schöne Stunde verbringen. Und wenn auch so manche Träne fließt - wir waren eben alle Zeugen einer schlimmen Zeit.'