. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Treffen jüdischer Emigranten mit Schülerinnen und Schülern - Unfaßbares wird lebendig
Bericht von Cornelia Stiehl - Allgemeine Zeitung vom 9. Juni 1999

Am letzten Tag ihres Aufenthaltes in Bingen hatten die jüdischen Gäste der Stadt einen besonderen Programmpunkt: Sie wollten sich dem Gespräch mit den Schülern und Schülerinnen ihrer ehemaligen Heimatstadt stellen. So kam es in der Rochusrealschule, im Stefan-George-Gymnasium und in der Hildegardisschule zu einmaligen Begegnungen.
'Wir sind die Letzten, die euch davon erzählen können', so faßte eine Dame, die jetzt in Amerika lebt, den Zweck der Begegnung in Worte 'Ihr könnt nicht fassen, was die Zahl sechs Millionen (ermordeter Juden) bedeutet, darum wollen wir euch unsere eigene Geschichte erzählen.' In der Hildegardisschule wurden die Gäste von Burkard Chwalek und der Direktorin, Birgid Lier-Kories, empfangen. Sie dankte den Damen, die als junge Mädchen Schülerinnen bei den 'Englischen' gewesen waren, für ihre Gesprächsbereitschaft und ihren Mut. 'Durch ihre Anwesenheit wird für unsere Schülerinnen das Unfaßbare faßbarer'.
Am Beispiel der Biographien von Lisa Japha geborene Groß, Lore Mayer-Odenheimer und Doris Herzberg geborene Brück wurde dann die Geschichte lebendig. Doris Herzberg, die fünf Jahre lang die Hildegardisschule besucht hatte, kam eines Tages von einem Schulausflug zurück und sah die Synagoge brennen. Das kleine Mädchen verstand nicht, warum die Feuerwehr nicht zu Hilfe kam. 'Und heute ist ausgerechnet die Feuerwehr auf diesem Gelände untergebracht', sagt sie nachdenklich. Ihre Flucht führte aus Bingen über Frankreich schließlich nach Chile, wo sie nach sechs Jahren ihre Eltern wiederfand. Eine Schülerin fragte, ob es denn keine Hilfsbereiten nicht jüdischen Freunde ihrer Familien gegeben habe. Lisa Japha, die in der Gaustraße aufgewachsen ist, gab die Antwort: 'Die Menschen hatten ja nicht nur Angst vor den eigenen Nachbarn, sondern vor ihren eigenen Kindern. Natürlich hat es hilfsbereite Menschen gegeben, aber die waren ja selbst in Gefahr.'
Aufmerksam und betroffen hörte die Schülerschaft zu, als die freundlichen alten Damen von ihrem Schicksal erzählten. Behutsame Fragen der Schülerinnen zeigten ihre Anteilnalune an den Erlebnissen der jüdischen Mädchen. Diese waren damals gerade so alt wie sie selbst, als sie Deutschland auf schwierigsten Wegen verlassen mußten. 'Wie haben Sie ihren Lebensmut wiedergefunden?' wollte eine Schülerin wissen. Doris Herzberg erwiderte spontan: 'Es ist uns ja nichts anderes übrig geblieben. Wir waren ja noch jung. Unsere Eltern haben das aber nicht mehr geschafft.' Lore Mayer-Odenheimer richtete ein abschließendes Wort an ihre jungen Gesprächspartner: 'Wir freuen uns, daß ihr zugehört habt. Unsere Geschichte ist Teil der Weltgeschichte. Ihr müßt um diesen Teil der Geschichte wissen.' Und die Schülerinnen verstanden, was unausgesprochen blieb: die Hoffnung, daß die nachfolgenden Generationen aus der Geschichte gelernt haben mögen. Die Hoffnung, daß Menschlichkeit und demokratische Erziehung verhindern mögen, daß sich je wiederhole, was den Juden in Europa angetan wurde.