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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Bericht der Binger Allgemeinen Zeitung (AZ) vom 7. Juni 1999
Ein Wiedersehen emigrierter Juden mit Bingen - von Cornelia Stiehl

Im Rahmen der Binger Seniorentage und der Aktion 'Wiedersehen mit Bingen' kam es zu einer Begegnung mit ehemaligen jüdischen Bewohnern unserer Stadt. Das Cafe Köppel konnte die Zahl der Gäste kaum fassen, die der Einladung der Stadt Bingen und des Seniorenbeirates gefolgt waren. Bürgermeisterin Brigitte Giesbert begrüßte die Gäste sowie die Binger Senioren mit den Worten: 'Ich hoffe, daß es ein frohes Wiedersehen wird und nicht ein bitteres.' Für den 'Arbeitskreis Jüdisches Bingen' begrüßte Dr. Josef Götten die Anwesenden. Sichtlich bewegt von Freude über diese Begegnung stellte Götten die weitgereisten Gäste mit Namen vor. Dr. Götten, der bereits seit einigen Tagen die jüdischen Gäste betreut: 'Wir erleben erschütternde Gespräche.'

Für die jüdischen Gäste eröffnete Herbert Brück, der heute in Chile lebt, seinen Vortrag mit einem Dank an die Veranstalter, besonders an Beate Goetz, deren unermüdlicher Einsatz ihn und die anderen Gäste gerührt habe. Aufrichtige Komplimente machte er der Stadt Bingen: 'Bingen hat sich zu seinem Vorteil verändert.' Dann folgte ein Blick in die Vergangenheit: 'Ich war ein Binger Bub'. Er rief Erinnerungen an ehemalige Binger Namen und Geschäfte wach, zu denen auch das Geschäft seines Vaters, die Weinhandlung Brück und Söhne, gehörte. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Beschämung habe er als fünfzehnjähriger Junge die Ereignisse in Deutschland erlebt, das er noch 1939, buchstäblich in letzter Minute, mit seinen Eltern verlassen konnte. Anderen Familienmitgliedern fehlte es an Kraft zur Emigration. Er rief die Schicksale der Ermordeten in Erinnerung. Über die Aktion 'Wiedersehen mit Bingen' fand Herbert Brück bewegende Worte:

'Über einem Meer von Tränen ist uns die Hand ausgestreckt worden. Wir werden diese Hand nicht zurückweisen'. Karl Bermann aus Tel Aviv sprach spontan zu den versammelten Senioren. Er, dessen Familie in Majdanek und Theresienstadt ermordet wurde, hat nicht einmal Gräber, an denen er um seine Vorfahren trauern kann. Mit Bildern von ehemaligen jüdischen Geschäften, von der alten und der neuen Synagoge, von der Judengasse und jüdischen Persönlichkeiten aus der Binger Geschichte beschloß Willibald Wacker den offiziellen Teil des Programms.

Anschließend wurden Photos und Erinnerungen ausgetauscht. Über den Graben der Geschichte hinweg kam es zu Begegnungen alter Schulkameraden und Bekannter. 'Weißt du noch?' Diese Frage war der Versuch, an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen und Kindheitserinnerungen wachzurufen. Munter ging es hin und her, man suchte und fand einander. Alle, die ausgesprochen und unausgesprochen mit im Raum waren, waren nicht vergessen. Und allein schon deshalb war es ein gelungener Nachmittag.