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Dr. Ruth Formanek besuchte am 31. Juli 2001 Bingen

Urlaub in Bingen "Empfindsamkeit bleibt"
Von Island über Bingen nach Böhmen: Dr. Ruth Formanek macht zwar nur einen kurzen Zwischenstopp am Rhein-Nahe-Eck, aber der hat für die 77-jährige New Yorkerin eine ganz besondere Bedeutung. Bingen ist die Stadt ihrer Kindheit und Jugend. Als fast 15-Jährige musste Ruth Formanek, die damals noch Löwenstein hieß, aus ihrer Heimat fliehen. Weil sie Jüdin ist.


AZ: Frau Formanek, ist Bingen noch Ihre Heimat?
FORMANEK: Das ist eine Identitätsfrage. Ich bin in Ockenheim als Tochter eines Weingroßhändlers geboren und in Bingen in der Martinstraße 5 aufgewachsen. Dann wurde ich von Zuhause vertrieben. Welcher Art soll die Heimatverbundenheit da sein? Ich sage heute, ich bin Amerikanerin deutsch-jüdischen Ursprungs.
AZ: Sie haben Bingen am 10.November 1938, einen Tag nach der so genannten Reichskristallnacht, verlassen. Ist das seit damals jetzt Ihr erster Besuch in Bingen?
FORMANEK: Nein. 1961 war ich das erste Mal hier. Es war wie ein Alptraum. Ich konnte nur über Nacht bleiben, musste sofort wieder weg. Ich kannte noch alles, die Häuser und die Straßen. Aber ich traf die Menschen nicht mehr, die ich einst gekannt hatte. Sie waren vertrieben oder ermordet.
AZ: Doch jetzt sind Sie wiedergekommen?
FORMANEK: Das ist nunmehr der vierte Versuch. Denn auch in den 70er Jahren konnte ich Bingen nur stundenweise ertragen. 1991 dann hatte ich eine Einladung vom damaligen Oberbürgermeister Naujack. Wir führten lange Gespräche. Aber meinen Alptraum und dieses Gefühl des Fremdseins konnte ich noch immer nicht abschütteln. Jetzt ist alles anders.
AZ: Was hat sich geändert?
FORMANEK: Ich kenne mehr Menschen, die Interesse an uns ehemaligen jüdischen Mitbürgern haben. Ich spreche vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen. Mit ihm kommuniziere ich schon eine Weile über das Internet. Jetzt während meines Aufenthalts in Bingen kümmert er sich rührend um mich.
AZ: Was gefällt Ihnen besonders in Bingen?
FORMANEK: Ich bin vernarrt in die Abteilung Rheinromantik des Historischen Museums am Strom. Ich habe eine Leidenschaft für die Landschaft hier und speziell für den Rhein. Ich sammle dazu Bücher, Bilder und Karten.
AZ: Sie sind Kinderpsychologin, lehrten bis vor sechs Jahren noch an der Hofstra-Universität in New York und betrieben eine Privatpraxis. Inzwischen haben Sie eine zweite Karriere als Fotografin gestartet.
FORMANEK: Ja, ich bin mit meinen fotografischen Werken, die sich Landschaften und Abstraktionen widmen, ständig in einer kooperativen Galerie in New York vertreten.
AZ: Verspüren Sie Lust, ein fünftes Mal nach Bingen zu kommen?
FORMANEK: Bislang war die Vergangenheit noch so lebendig, die Angst saß so tief. 2001 ist das Jahr der Wende für mich. Beim nächsten Besuch in Bingen werde ich viel gelöster sein. Aber die Empfindsamkeit, die wird immer bleiben.