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Dr. Peter Frey erinnert bei Gedenkveranstaltung an Jahrestag der Synagogen-Schändung

Eine Aufgabe, die niemals aufhört
Interview am 14.11.2008 mit Lena Fleischer von der Allgemeinen Zeitung

Weil sich zum 70. Mal die von den Nazionalsozialisten durchgeführten Pogrome gejährt haben und zugleich der Arbeitskreis Jüdisches Bingen, der die Erinnerung daran wach hält, seit zehn Jahren besteht, ist heute um 19 Uhr im Kulturzentrum eine Gedenkveranstaltung mit Peter Frey, Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios.

Sie sprechen über das Thema 'Über das Erinnern - vom Umgang mit der Vergangenheit';. Worum geht es dabei?

Frey: Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der 9. November, die so genannte Kristallnacht, in Bingen abgelaufen ist und wie sich die Stadt mit ihrer eigenen nationalsozialistischen Geschichte auseinandergesetzt hat. Zu meiner Schulzeit - ich habe 1976 Abitur am Stephan-George-Gymnasium gemacht - haben wir davon praktisch noch nichts gehört. Das ist mit dem Synagogenmodell und den Stolpersteinen anders geworden. Trotzdem will ich dazu anregen, sich dem Erinnern noch offensiver zu stellen.

Wie kommt es zur Kooperation mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen?

Frey: Ich habe großen Respekt vor der Arbeit, die dort geleistet wurde und wird. Erinnerungsarbeit ist immer auch mit Konflikten verbunden und man muss sich nur vergegenwärtigen, wie lange es gedauert hat, bis die Mahntafel am ehemaligen Synagogengebäude angebracht wurde. Bingen hat sich mit der Vergangenheit lange schwer getan.

Warum ist es Ihnen ein Anliegen, bei der Veranstaltung dabei zu sein?

Frey: Ich habe den Kontakt zu Bingen immer gehalten und bin froh, dass ein Thema, das mich schon als junger Mann beschäftigt hat, nun auch öffentlich verhandelt wird. Es geht mir nicht darum, als Besserwisser aufzutreten - wir, die wir diese Zeit nicht miterlebt haben, sollten uns mit Wertungen zurückhalten. Da ich aber viel herumkomme, kann ich vielleicht einige Anregungen geben, was man noch tun könnte. Sollte es nicht auch in Bingen einen Ort geben, an dem die Erinnerungen an die jüdische Gemeinde zusammengetragen werden? Oder einen Stadtführer, der Auskunft darüber gibt, wo es jüdisches Leben gab? Es würde mich freuen, wenn diese Ideen aufgegriffen würden, auch von den Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden, die sich bisher mit ihrem Anteil an der Geschichte nicht so bewusst auseinandergesetzt haben.

Warum halten Sie es für wichtig, sich auch bewusst daran zu erinnern, wie hier in Bingen die Synagoge in Flammen aufging?

Frey: Es war doch so: Zuerst brannten die Synagogen - und am Ende verbrannte man Menschen. Auch mehr als 150 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens, die vor 1933 fest in die Stadt Bingen integriert waren, sind in den Vernichtungslagern umgekommen. Ihre Namen sind bis heute nur in den Archiven zu finden, haben aber keinen Ort in der Stadt. Es geht aber auch darum klarzumachen, dass das Anliegen, Minderheiten zu schützen und sich mit Zivilcourage Unrecht entgegenzustellen, eine
Aufgabe ist, die niemals aufhört.

Wer ist zu der Veranstaltung im Kulturzentrum eingeladen?

Frey: Es sind alle eingeladen, die sich interessieren - und es würde mich sehr freuen, wenn viele junge Leute, Schülerinnen und Schüler, kämen. Ich weiß, dass sich diese Generation im Unterricht, viel mehr als wir, mit dem Holocaust beschäftigt hat, manchmal vielleicht zuviel. Aber bei der Frage: Was geschah bei uns? Wer waren Opfer und Täter? Wo gibt es vielleicht Spuren jüdischen Lebens, die wir noch nicht gefunden haben, könnte mancher Sozialkunde- oder Geschichtskurs sicher helfen.